Die Geburt Christi

 

 

 

 



Was aber die Menschheit im Ganzen wohl erst nach Millionen Jahren erreichen wird, das ist dem einzelnen schon jetzt möglich, wenn er ein Nachfolger Christi wird. Damit ist aber nicht gemeint dass er die äusserlichen Handlungen von Jesus von Nazareth, so wie sie im Testament beschrien sind, nachmachen müsse: sondern dass er durch die Kraft Gottes in ihm das Irdische überwindet und durch die Aufopferung des Selbstwahnes in der Kraft der erkennenden Liebe zur Erkenntnis seines göttlichen Daseins gelangt.

Wie ein Bewohner der Unterwelt sich durch das Lesen von Büchern und Beschreibungen keine Erkenntnis der Sonne verschaffen könnte, so kann auch durch alles Studium der Theologie keine Christuserkenntnis seines göttlichen Daseins erlangt werden. Geht aber die Geistsonne in unserem eigenen Innern auf, dann haben wir,  wenn auch ohne theologischen Unterricht, den wahren Sohn Gottes erkannt. Dann aber erst ist ein Mensch im wahren Sinnes des Wortes ein "Christ" , und ein wahrer Christ zu werden ist deshalb kein leichtes Ding*).
(*Im Grunde genommen ist ein "Christ", d.h. ein "Gesalbter", d.h. ein "Erleuchteter"; ein "Lama" d.h. ein "Verherrlichter"; und ein "Brahmine", d.h. ein "Guter", eins und dasselbe.)

Tief im Heiligtum der Seele, im Stillen Bethlehem (Im Materiellen) schlummert der Funke der göttlichen Liebe, und wird in dem reinen Gemüte zum Lichte der Erkenntnis geboren. Der Nährvater des göttlichen Kindes ist der Verstand, welcher das Haus in Ordnung hält und dem Bösen den Zutritt verweigert.

Die Wiege steht im Stall, umgeben von tierischen Elementen, Begierden und Leidenschaften; da steht der Eigensinn als „Esel" und die Nichterkenntnis als „Ochse" symbolisiert; aber da ist auch die Mutter, die himmlische Natur, als „Jungfrau Maria" welche das Kind beschützt und ernährt. In seiner Kindheit wird die Stimme des Kindes, die Stimme der Stille, nur durch die Empfindung und das Gewissen vernommen; aber schon im zwölften Jahr tritt er als Intuition lehrend auf und verblüfft durch seine Weisheit die logischen Argumenten und den Scharfsinn des Intellektes, der keine wahre Erkenntnis besitzt.

 Durch alle Regionen des Empfindens und Denkens nimmt der Erlöser seinen Weg, Wunder wirkend. Ohne zu sinken wandelt er auf dem sturmbewegten Meere des Lebens und gebietet den Wogen Ruhe. Durch die Kraft der Selbstbeherrschung heilt er die Krankheiten der Seele und des Körpers; er bringt die geistig Blinden zur Erkenntnis der Wahrheit, macht, dass die geistig Tauben die Stimme des Gewissens wieder Vernehmen; ja er erweckt sogar die, welche schon geistig tot zu sein schienen, wieder zum geistigen Leben auf. Von den Theologen und Anbetern äusserlicher Götter verfolgt und verraten, wird er vor dem Richterstuhl der Vernunft geführt; aber "Pilatus" kann, da er nicht selbst die Wahrheit ist, die Wahrheit nicht erkennen und fragt vergebens nach Beweisen, ohne zu begreifen, dass es für das Dasein der Wahrheit keinen besseren Beweis gibt als die Offenbarung ihrer Selbst.  Weil aber die Vernunft ohne Erleuchtung die Wahrheit nicht erkennt, so bleibt der Mensch an dieses irdische Dasein gefesselt, dessen Symbol das Kreuz ist, wobei der senkrechte Balken das Herab- und Hinaufsteigen des Geistes, der horizontale das Reich des Materiellen bedeutet. Der Mensch muss selbst sein Kreuz (Karma) Tragen; aber "Josef von Arimathia", d.h. das Vertrauen, die Hoffnung, hilft ihm dabei. Doch endet das Leiden des Menschen erst dann, wenn er das grosse Werk der Aufopferung des Selbstwahnes vollbracht hat. Dann stirbt der Mensch den mystischen Tod, und an die Stelle des menschlichen Vernunft tritt die göttliche Weisheit. So erlöst sich Gott vom Menschentiere und erlöst damit auch den mit ihm vereinigten Menschen selbst. Der Tod der Nichterkenntnis ist die Auferstehung der Erkenntnis, so wie das Verschwinden der Dunkelheit die Geburt des Tages ist.




"Seid nicht ängstlich um eurer Leben, was ihr essen werdet, oder um, oder um Kleidung für euren Leib. - Sehet die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sammeln nicht in Vorratshäuser, und eurer himmlischer Vater ernährt sich doch. Sehet die Lilien auf dem Felde, sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht, und doch sage ich euch: Nicht einmal Salomon in seiner ganzen Pracht war wie eine von diesen gekleidet." (Matthäus VI, 26-27) - Jedermann weiss, wer sich körperliche ernähren will, auch dafür sogen muss, und dass man mit blindem Gottvertrauen keine Schneiderrech-nungen bezahlen kann. Aber die Lehre bezieht sich auf den geistigen Leib und das Wachstum der Seele. Der Mensch kann seiner Grösse mit allem seinem Jagen und Rennen keine Elle zusetzten. Das Wachstum des wiedergeborenen Menschen geschieht nicht durch Sammeln von Kenntnissen und die Aufspeicherung von Theorien in der Vorratskammer des Gedächtnisses, sondern durch die göttliche Nahrung der Seele, welche in der innerlichen Aufnahme des Geistes der Wahrheit besteht. Die Kleidung der Seele aber ist ihre Verklärung.

"Wenn du betest so gehe in dein Kämmerlein, schliesse die Türe zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen." (Matth. VI, 5-8). Würde dies äusserlich zu befolgen sein, so könnte man Millionen, die zu Kirchenbauten ausgegeben werden, ersparen.  Aber das "Kämmerlein", von dem hier die Rede ist, ist das Gemüt, und die zu verschliessende Tore sind die Sinne. Der "Vater im Verborgenen" aber ist das innerste göttliche Selbst, welches "weiss, was ihr bedürfet, ehe ihr in bittet."

"Bildet euch nicht ein, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, zu trennen den Menschen von seinem Vater, die Tochter von ihrer Mutter, die Schwiegertochter von ihrer Schwiegermutter. Seine eigenen Hausgenossen werden des Menschen Feinde sein." (Matth. X, 34-37) So könnte vielleicht ein Alba, Nero oder Peter Arbuez sprechen; aber das "Schwert", von dem hier die Rede ist, ist der erleuchtete Wille; das "Haus" ist das Gemüt, und die "Hausgenossen" sind die zu "Ichen" gewordenen Begierden, Leidenschaften und Irrtümer, welche die "Verwandten" und Feinde des inneren Menschen sind*).
* Siehe auch "die Bhagavad Gita". Das Lied von der Gottheit oder die Lehre vom göttlichen Sein und von der Unsterblichkeit.

Vorurteile, angenommene Meinungen und gedankenloser Autoritätsglaube machen den Menschen gefühllos und blind, so dass er mit den Ohren hört und doch nicht versteht, und mit den Augen sieht und doch nicht begreift (Matth. XIII, 14). Deshalb ist die Bibel für den frommen Schwärmer ein Fetisch und für den Kulturmenschen ein Gegenstand geworden, um den er sich nicht kümmert.  Für die Verständigen aber ist sie ein Zauberspiegel, in dem jeder sich selbst sehen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erblicken und lernen kann, aus der Quelle der Weisheit zu schöpfen.