" Das Mädchen mit den Schwefelhölzern"
(Ein Märchen von Hans Christian Andersen, aus dem 19.jh)
Zum
Youtoube Clip, bitte direkt auf das Bild klicken
(Bitte Kopfhörer einstellen sowie auf dem Clip auf Vollbild drücken.)
Es war der letzte Tag im Jahre,
und die Dunkelheit brach bereits herein. Es schneite und war grimmig kalt.
In dieser Kälte und Finsternis ging auf der Straße ein kleines, armes
Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen. Als sie von zu Hause wegging,
hatte sie wohl Pantoffeln angehabt; es waren sehr große Pantoffeln gewesen,
die früher ihre Mutter getragen hatte. Das kleine Mädchen hatte sie
verloren, als sie schnell über die Straße lief, um nicht von einer Kutsche
überfahren zu werden.
Da ging sie nun auf den kleinen nackten Füßen, die vor Kälte ganz rot und
blau waren. In einer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzer und
einen Bund hatte sie in der Hand. Heute hatte ihr noch niemand etwas
abgekauft, niemand ihr ein Almosen geschenkt. Sie war schon ganz verzagt;
zitternd vor Kälte und Hunger schlich sie dahin. Die Schneeflocken fielen
auf ihr langes blondes Haar, das in lockigen Wellen auf ihren Hals herab
floss.
Aber daran dachte sie nun freilich nicht.
Aus allen Fenstern glänzten die Lichter, und es roch ganz herrlich nach
Gänsebraten, es war ja Silvesterabend. Und daran dachte sie.
In einem Winkel, den zwei Häuser bildeten, von denen das eine etwas in die
Straße vorsprang, kauerte sie sich nieder. Sie fror sehr, getraute sich aber
nicht, nach Hause zu gehen, weil sie noch nicht für einen Pfennig
Streichhölzer verkauft hatte. Sie hätte gewiss von ihrem Vater Schläge
bekommen, und kalt war es ja zu Hause auch, denn sie wohnten dicht unter dem
Dache, und da pfiff der Wind überall herein.
Sie fror entsetzlich! Ob sie wohl wagen durfte, ein Schwefelhölzchen
anzuzünden und sich die erstarrten Händchen daran zu wärmen? Sie zog eins
heraus und zündete es, ritsch! an. Hell flammte und sprühte es auf! Oh, wie
schön warm war die kleine Flamme! Die Kleine glaubte, am warmen Ofen zu
sitzen, und streckte ihre Füßchen aus, um auch diese zu wärmen. Da erlosch
die Flamme, der Ofen war verschwunden, und sie saß da mit dem abgebrannten
Endchen des Schwefelholzes in der Hand.
Sie zündete ein neues an; es leuchtete auf, und die Stelle der Mauer, worauf
der Schein fiel, wurde durchsichtig wie ein Schleier. Die Kleine konnte
gerade in eine Stube hineinsehen, wo ein festlich gedeckter Tisch stand, und
drauf ein herrlich duftender Gänsebraten mit Äpfeln und getrockneten
Pflaumen gefüllt. Und o Wunder, die Gans sprang aus der Schüssel herunter
und watschelte gerade auf das kleine Mädchen zu!
Da ging das Streichholz aus und nur die kalte Mauer war noch zu sehen. Sie
zündete noch ein Hölzchen an. Da saß sie unter einem großen, herrlich
geschmückten Weihnachtsbaum. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen
Zweigen, und bunte Bilder, wie sie sie in den Schaufenstern bewundert hatte,
sahen auf sie hernieder. Die Kleine streckte beide Händchen danach aus — da
erlosch das Schwefelholz, die vielen Weihnachtslichter stiegen höher, immer
höher, und sie sah sie jetzt als Sterne am Himmel.
Einer davon fiel herab und bildete einen langen Feuerstreifen am Himmel.
„Jetzt stirbt jemand!" dachte die Kleine, denn sie hatte von ihrer guten
alten Großmutter, die längst tot war, gehört, dass jedes Mal, wenn ein Stern
herunterfällt, eine Seele zu Gott emporsteigt. Wieder entzündete sie ein
Hölzchen an der Mauer, und in seinem Glänze sah sie die alte Großmutter,
welche mild und liebevoll vor ihr stand. „Liebe Großmutter!" rief die
Kleine, „Nimm mich mit! Ich weiß, dass du verschwindest, wenn das
Schwefelhölzchen erlischt, wie der warme Ofen, der herrliche Gänsebraten und
der prächtige Weihnachtsbaum!"
Und in eilender Hast strich sie ein Streichhölzchen nach dem ändern an, um
die Großmutter festzuhalten. Die Großmutter war früher nie so schön, so groß
gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihre Arme, und beide flogen in
Glanz und Freude so hoch, so hoch. Und dort oben war weder Kälte, noch
Hunger, noch Angst — sie waren bei Gott!
Aber als der Morgen hereinbrach, fanden die Leute im Winkel zwischen den
Häusern ein kleines Mädchen mit roten Wangen und einem Lächeln auf den
Lippen, tot, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Um sie herum lagen
die abgebrannten Schwefelhölzchen. „Sie hat sich wärmen wollen", sagten die
Leute; sie wussten nicht, was sie Schönes gesehen hatte und wie sie mit
ihrer alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.