| Die Verwandlung des Blutes 1 |
||
(aus Fledermäuse , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank) |
||
von Gustav Meyrink |
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Seit
Jahrtausenden
ist
das Streben
der Menschheit
darauf
gerichtet,
dem
Leiden
auf
Erden
zu
entrinnen
durch
Erkennen und
Durchschauen
der
Naturgesetze
zum Zwecke, sie
sich
dienstbar
zu
machen. Außerordentlich
sind
die
Erfindungen
und Entdeckungen,
die
auf
diesem
Gebiete
gemacht
wurden,
erstaunlicher noch
der Rückschritt
in allem,
was den
Instinkt
des
Menschen anbetrifft.
Insbesondere
das deutsche
Volk
scheint
sich
zum instinktlosesten
aller
Nationen
entwickeln
zu
wollen,
hat
es
bewiesen
vor
dem
Krieg,
während des
Krieges
und nach
dem
Krieg.
Leider! Wer
heutzutage
vorzieht,
auf
die
Stimme
des
Instinktes
zu
horchen,
statt
einzig
und allein
auf die
des
Verstandes
und
nicht
schnurgerade
handelt,
wie
die Rezepte
früherer
Erfahrung
vorschreiben,
die
gar oft
längst
nicht
mehr
wahr
sind,
der
gilt
als
Phantast
und wehrlos
gegenüber
dem Zufall.
Immer mehr
verlässt
sich
der Mensch
auf
die
Denkdrüse,
und
da
sie
ihm
nichts
verrät,
was
mit
Magie und
den
andern
verborgenen
Kräften
der
Seele
zusammenhängt,
wähnt
er, dergleichen
existiere
überhaupt
nicht oder
sei
gering zu
schätzen.
Es
ist
ein
uraltes
Vorurteil,
anzunehmen,
ein gefühlvoller
Mensch
sei
ungefähr dasselbe
wie
ein
seelenvoller;
ein
Beweis,
wie
schal
das
Wissen
von der
Seele
geworden
ist!
Deshalb
die
offenkundige
Verachtung
des
kalten
Verstandesmenschen,
wenn
man
von
»Seele« spricht; er
sagt
sich:
der
Gefühlsmensch
ist
den
Anforderungen,
die
das
Leben
stellt,
nicht
gewachsen
und darum
nicht
existenzberechtigt.
Mag
sein,
dass er
in vielen
Fällen Recht
hat.
-
Das »Mein Reich
ist nicht
von
dieser
Welt«,
erwidert
der Andere
darauf,
aber
er
sagt
es
bloß;
innerlich
möchte
er sehr
gern,
dass
es
ihm
auf
dieser
Welt
ebenso
gut
gehe
wie
dem
Verstandesmenschen.
Er
belügt
sich also
selber.
Das
Schlimmste,
was
einer
tun
kann.
- Beiden
gemeinsam
ist,
dass
sie
im Wahn
leben,
das
Wirken
nach
außen
werde
das
Heil bringen.
Sie
hoffen
vergeblich, so vergeblich
wie
ein
Narr,
der
glaubt,
den
Schatten
an
der
Wand
austilgen
zu können,
indem
er ihn
Kalk
bewirft!
-
Glück
allein
und Schicksalsgunst
sind
es, die
Erfolg
bringen;
der Oberflächliche,
der
nur
die naheliegende
Ursache
sieht
und nie
die
Ursache
der innersten
Tiefe,
irrt,
wenn
er glaubt,
einzig
die
Tüchtigkeit
sei
der
Schlüssel
zu
Erfolg.
-
Wer
gelernt
hat,
das Leben
scharf
zu
beobachten
und nicht
von
Eitelkeit
verblendet
ist,
der
weiß, dass
man Tüchtigkeit nicht
nach
Belieben
an
sich
reißen
kann
wie
einen
Gegenstand,
wenn
sie nicht
schon
im
Blut
liegt,
sie
nicht
einmal anerziehen
kann,
sondern,
dass
es
ein
Glück
ist,
das anderes
Glück
nach
sich
zieht,
eine
Erbschaft
vielleicht
in dem
einen
oder
andern
Fall,
ein
Verdienst aus
Bemühungen,
die
einem frühern
Leben
stattgefunden haben,
so sagen die, die Anhänger der asiatischen
Wiederverkörperungslehre
sind.
Erstaunlich,
welch
verblüffende
Gleichgültigkeit
unsere doch
sonst
so
erfindungsgierige
Generation
der
Frage
gegenüber
an den
Tag legt: kann
ich
bewusst
und zielsicher
Herr
werden
über Zufalls-Tücken,
Glück und Unglück?
»Weil das
unmöglich
ist!«
schallt
einem die
Antwort
aus
Milliarden
Mündern entgegen.
Habt
ihr's
versucht?
Habt
ihr
versucht,
immer
wieder
hartnäckig
versucht,
auch
nur
über
kleine
Krankheiten und
Schmerzen
des
Leibes
Sieger
zu
werden?
Anders
als,
durch
Arzneifressen
und
Befolgen
von Ratschlägen,
die der
Arzt
gibt,
dessen
Wissenschaft
sehr
oft
versagt?
-
Ein
verlegenes
Schweigen,
ein geringschätziges
Lächeln;
und der
Schatten
an der
Wand
wird
weiter
emsig
mit
Kalk beworfen...
Ein Versuch,
sich
selbst
von
Grund aus
zu
wandeln
in einen
Menschen,
der
freier
Herr
ist
über
Zufall
und Missgeschick,
nicht
nur über
Krankheiten
und kleine
Leiden,
gilt als Wahnwitz.
Besonders
die,
die
so
stolz betonen,
sie
seien
Herren
ihres
Willens
- in
Wirklichkeit jedoch
die
erbärmlichsten
Sklaven
einer
fremden
Willensmacht sind, die
heimlich
ihr Tun
lenkt,
ohne
dass
sie
auch
nur eine
Ahnung
davon
haben, gerade
sie
wollen
nicht
einmal
einen
Versuch
wagen.
Sklaven
sind
sie
des
Demiurgen,
den sie
für
Gott
halten
und
für
den
Verhänger
des Schicksals.
Für
sie
ist
er
es
auch. Verlassen
ist,
wer
sich auf
andere
verlässt,
und
seien
diese
andern
auch
Götter.
Philosophische
Erkenntnisse
allein
können
die Rettung
aus
der Tretmühle,
zu
der
das
Leben
des Menschen
geworden
ist
-
es
wahrscheinlich
von
Anbeginn
gewesen
ist
-, bringen,
so
sagen
die
Einsichtsvollen
unserer Rasse.
Sind
unsere
Philosophen
der Tretmühle
entronnen?
War Kant
imstande,
sich
auch
nur
Zahnschmerzen
zu
vertreiben?
Er hat
es
nicht
angestrebt,
könnte
man
erwidern.
Ich glaube
nicht!
Sicherlich
wird ihm
ein,
oder
das
anderemal der
Gedanke
gekommen
sein: merkwürdig,
dass
ich
so
viel
weiß
und doch
nicht
einen
Schritt
weiter
gelangt
bin auf
dem
Weg
des
Könnens.
Und wenn
nicht
ihm der
Gedanke
gekommen
ist,
so
doch dem Manne
mit
dem
»gesunden
Menschenverstand«.
Theorien
von unerhörter
Tiefe
haben
unsere
europäischen
Philosophen
aufgestellt,
was
das
Dasein,
das Leben
und
die
Erscheinung
der
sichtbaren
Welt
anbelangt,
und sie
haben
die
Richtigkeit
dessen,
was
sie
herausgefunden,
logisch
und
sogar
mathematisch
bewiesen;
den
Weg
aber,
wie
man Herr
wird
über das
Geschick,
haben
sie nicht
gezeigt.
Kiwis
- Vögel
ohne
Flügel
-
sind
ihre
Erkenntnisse
geblieben.
Theorien
sind
von
der
Praxis
durch
eine gähnende
Kluft
getrennt,
gleichen
Frauen,
die
keine
Kinder
gebären. Umstellen
der
Erkenntnis
allein
bewirkt
nicht,
dass
das
Fatum
sich
ändert.
Ein
Wegdenken
des
Schattens an der
Wand
hat
keinerlei
Wirkung;
um ihn
zu
verändern, muss
der
Gegenstand,
der
zwischen
Licht
und
Wand
steht,
anders
gestellt
werden.
Wer
das
vermag
-
bildlich
gesprochen
-,
der
wird
Herr über
sein
Schicksal.
Gewiss:
es
ist
möglich,
dass
der »Schatten« dadurch
noch hässlicher
wird, als
er
vorher
war, aber
dann
liegt
die
Schuld
an dem,
der
falsch
operiert.
Hier
muss das
Wissen
der Tat
vorhergehen.
Gibt
es
ein
solches
Wissen? |
