Die Verwandlung des Blutes 2
 

(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
 
von  Gustav Meyrink
 


 

   

                      
                  


Vor Rost gesctzt wie Gold findet es sich, selten zwar und mit Schmutz bedeckt, aber immer wieder zutage tretend, wertlos scheinend für alle, die Augen haben und doch nicht sehen können. Glimmer für solche, die leben und nicht wissen wofür, Narretei r die unabsehbare Menschenherde, die stumpfsinnig, gleichgültig für alles, was ihr nicht eingeprügelt wird oder als Gift der Schlange des Paradieses heimlich ins Ohr gespien wird - immer die gleiche öde Straße zieht sie dem Totenreich entgegen, unzerreißbar wie der meilenlange Zug der Aale, den Fluss hinabschwimmt, wenn’s zum Laichen geht - den Netzen der Fischer zu. Unbegreiflich wäre solches Verhalten der Aale wie der Menschen, läge nicht eine gewisse, unter der Schwelle des Bewusstseins in Ewigkeit glimmende Sicherheit diesem stoischen Gleichmut heimlich zugrunde, beim Menschen wie beim Tier die innere Siegesgewissheit: »ich sterbe nicht, der Tod ist ein leeres Phantom. « Nur so ist's zu erklären, dass, fällt ein Mensch ins Wasser, Dutzende ihm nachspringen, um ihn zu retten, das eigene Leben aufs Spiel setzend; dagegen: könnten sie ihn retten, indem sie Geld hergäben: sie täten es nicht! Das Lied vom »braven Mann« ist niemals wahr gewesen. Das Leben fürchtet man, nur we man's nicht! - Viele Edle lebten im Wahn, die Menschen seien ohne Rest dem Verderben verfallen, so sie nicht »in sich gingen«, bereuten, von der Welt abließen, oder wie die Ermahnungen frommer Eiferer ähnlich lauten mögen.

Resultat? Manche taten die Ohren auf, schlugen sich an die Brust, gingen hin und -vergossen das Blut der andern, die nicht glaubten wie sie selbst. Ster sind die Sitten milder geworden, aber nicht, weil die Menschen besser geworden wären - nur indolenter, weniger fanatisch sind sie geworden! Sonntags gehen sie in ihre Kirchen, tun so, als nähmen sie sich zu Herzen, was ein Wohlmeinender ihnen von elf bis zwölf vorlt, dann gehen sie wieder hinaus, hängen den schwarzen Anzug in den Schrank, und das bürgerliche Gesetzbuch trägt wie stets den Sieg davon über das Buch der cher. Schon weil es in Flexible gebunden ist. Stets das gleiche Bild in der Geschichte; am Schluss jeden Aktes: Bolschewismus, die »Religion« der Verzweiflung. Dann: Zwischenpause, neuer Aufzug; genau dasselbe Spiel, könnte man sagen, wenn nicht die Schauspieler andere Kostüme trügen. Und: wie ehedem steht das Wissen, das wahre Wissen, auf das es ankommt, unbeachtet hinter den Kulissen. - Es darf nicht auf die Bühne treten, die Komödianten lassen es nicht vor die Rampe; sie fürchten, es könnte sie um den Beifall bringen.

Sechsunddreißig Jahre sind es her, dass ich jene vermummte, geheimnisvolle Gestalt hinter den Kulissen des Lebens zum ersten Male ahnte. Sie gab mir stumme Zeichen, die ich lang, lang nicht verstand; ich war noch zu jung, um zu erfassen, was mir die Gestalt sagen wollte. Das Spiel der Komödianten auf der Bühne nahm mich noch zu sehr gefangen. Ich wähnte, ihr Spiel sei wichtig und auch für mich erdichtet. Dann, als ich selbst mitspielen sollte, aber die mir zugeteilte Rolle mir unerfreulich schien, befiel mich ein wilder unbändiger Hass gegen die Geschminkten; ich sah die »seelenvollen« Augen, die in Wirklichkeit nur shten, wo der Nächste den Geldbeutel hat, durchschaute, dass die wunderschöne Kulisse kein echter Palast war, sondern bemalter Pappendeckel, und ergoss meinen fanatischen Hass gegen alles Komödiantentum in Satyren, oder wie man es sonst nennen mag. Nur kurze Winke hatte mir die vermummte Gestalt gegeben, aber sie waren wie Inspirationen; sie hatten genügt, dass aus einem Kaufmann über Nacht ein Schriftsteller wurde. Ich will später genauer schildern, wie das geschehen konnte.

 

Es geschah durch Verwandlung des Blutes. Ein paar schnelle stumme Zeichen der vermummten Gestalt hatten es zuwege gebracht. Lange war ich der Überzeugung: alle Geschminkten neben mir und um mich seien Komödianten von Beruf, bis ich allmählich erkannte: so mancher unter ihnen glaubt felsenfest an die Echtheit der Figur, die er darstellt - ist eine Maske geworden und weiß es selber nicht; er spielt seine Rolle und hat vergessen, dass man ihn gegen seinen Willen unter die Schauspieler gesteckt hat, dass eine verlogene Bande von Regisseuren ihn in frühester Kindheit dazu geheuert hat. Da fing mein Hass an abzuflauen; zumal ich sah: er trifft sein Ziel nur knapp. Trifft gar oft die nicht, auf die ich ziele; trifft andere, auf die ich nicht gezielt habe. - Da begann ich, in Romanen und Novellen auf die vermummte Gestalt hinter den Kulissen hinzuweisen. Viele horchten auf, andere schüttelten den Kopf und murmelten: was will er? Hinter der Bühne steht niemand! Ob die, die da aufhorchten, auch lange genug in die Dunkelheit gestarrt haben, in der ich den Vermummten stehen zu sehen ihnen verriet? Wie kann ich das wissen?! Wohl mancher wird die Geduld verloren und sich dem bunten Satyrspiel auf der erhellten, künstlich beleuchteten Bühne des Lebens zugewandt haben. - »Verrück, so mag wohl ihr Urteil über mich lauten, und jene, die ich einst mit meinem Hass getroffen habe, stimmten mit ein und sagen: er hat bewusst gelogen! Er ist ein Heuchler und hat keine Ideale. In einem Punkte haben sie recht: ihre Ideale sind nicht die meinen; Schminke und Pathos sind mir verhasst bis in den Tod. Diese Winke des Vermummten habe ich von Anbeginn richtig gedeutet! Die größeren Winke und Zeichen begriff ich nur langsam, denn das Leben stellte mir andere Bilder vors Auge; es trat als Dolmetsch zwischen mich und den Verhüllten, als ich mich unfähig erwies, durch eigenes In-mir-selbst-Schürfen seine Gebärden zu verstehen.

 

Die vergiftete Erbschaft aller Menschen: der Glaube, allein am Wissen anderer könne man sich bereichern, sich an der Vergangenheit der Menschheit satt trinken, trat an mich heran. Der Dolmetsch, der zwischen mir und dem Vermummten stand, sprach eine andere Sprache, als die für mich bestimmte; er log, und, damit ich nicht merken sollte, dass er log, sprach er bisweilen - die Wahrheit. Nur an einem nicht misszuverstehenden Wink des Vermummten hielt ich unbeirrbar fest, trotzdem der Dolmetsch seine spöttischste Miene aufsetze: ich wies hin, wann und wo ich konnte, auf die Gestalt hinter der Bühne; ob mir einer glaubte, dem ich von ihr sprach, oder nicht, ob man lachte, gläubig zuhörte, ein Gähnen unterdrückte oder ein Lachen verbiss, es focht mich nicht an. Oft, und selbst heute noch, heute vielleicht noch mehr als je, würgt mich der Gedanke: wozu das alles?! Lass die Aale ihres Weges ziehen! - Aber der Vermummte hat alle Gewalt über mich bekommen, sein Wille ist srker als der meinige geworden. Eine Zeitlang verschwand er vor meinen Blicken oder, genauer gesagt: er wandelte seine Gestalt; in solchem Falle war mir, als sähe ich sein »Gesicht«. Das dauerte Jahre hindurch. Inzwischen sprach der Dolmetsch Leben zu mir durch Bücher, die mir oft auf so seltsame Weise in die Hände gespielt wurden, dass ich die Empfindung nicht los wurde: ein unsichtbarer Oberlehrer hat sich meiner Erziehung bemächtigt. Und jedes mal, wenn mir ein Buch über Yoga geschickt wurde, wähnte ich: endlich habe ich den Schssel zu den Geheimnissen, nach denen ich dürste, gefunden.

 

Dass Yoga allein, dieses seltsame tiefsinnige Erziehungssystem der Asiaten, den Zugang zum Übermenschentum bildet und nicht die philosophischen Theorien der Denker und Weisen, war mir sehr bald klar geworden. Bücher solchen Inhalts schenkte mir der Zufall - das inkognito reisende Schicksal, wie es einmal ein Russe nannte. Auch kam ich mit Menschen in Verbindung, die mehr von Yoga zu wissen schienen als die Gelehrten des indischen Schrifttums. Wo immer ich einen Namen nennen hörte, dessen Träger eingeweiht schien in die Mysterien dieses Gebietes, schrieb ich an ihn, machte Jagd auf ihn, als besäße er das Lebenselixir. Eine wahre Besessenheit ergriff mich: zu finden, zu finden, zu finden. Bände nnte ich schreiben über das, was ich mit solchen »Eingeweihten« erlebte.

 

Um einen gewissen Kapitän Searle der Anglo Indian Marine Survey ausfindig zu machen, von dem mir berichtet wurde, er sei Schüler eines Hathayogis (Fakirs) und können durch gewisse Mantrams (Beschwörungsformeln) Taifune besänftigen, schrieb ich einige Dutzend Briefe nach Australien, Amerika, England, Indien und China. Als ein Brief endlich das Ziel traf, war Kapitän Searle eine Woche vorher gestorben. - Ich trat in die Theosophische Gesellschaft ein, gründete in Prag eine Loge und ging umher wie ein brüllender Löwe, Anhänger für die Gesellschaft zu gewinnen; hielt in engerem Kreis Vorlesungen aus englischen Siftings und Pamphlets. Der einzig bleibende Erfolg meiner Mühen war, das ich mir schließlich eine solche Übung im übersetzen quasi aus dem Stegreif aneignete, dass ich heute aus einem englischen Buch vorlesen kann, als sei es ein deutsches.

 

Annie Besant belohnte mich für meinen Eifer, indem sie mich in einen gewissen innern Kreis der T. S., dessen Zentrum in Adyar in Indien ist, aufnahm. Ich erhielt von ihr nach und nach Lehrbriefe, den Yoga betreffend. Von diesem Augenblick an bis zu meinem etwa drei Monate steren Austritt, führte ich das Leben eines beinahe Wahnsinnigen. Lebte nur von Vegetabilien, schlief kaum mehr, »genoss« zweimal täglich, je einen in Suppe aufgelösten Esslöffel voll Gummi arabicum (dies wurde mir behufs Erweckung astralen Hellsehens von einem französischen okkultistischen Orden wärmstens empfohlen), machte Nacht für Nacht acht Stunden lang Asanaübungen (asiatischen Sitzstellungen mit unterschlagenen Beinen), dabei den Atem anhaltend, bis ich Todestteln empfand. Dann, wenn Neumond eintrat, ritt ich hinaus in tiefster Finsternis auf einen Hügel, die Höhle des Heiligen Prokop genannt, weit vor Prag, band den Gaul an einen Baum, setzte mich ins Asana und starrte auf einen Punkt am Himmel, bis die Morgendämmerung anbrach. Die Rezepte zu all dem hatte ich mir, soweit ich sie nicht von Annie Besant erhielt, aus Büchern indischer oder mittelalterlicher Provinienz herausgefischt. Und immer, wenn meine Zuversicht zuschanden zu werden drohte und Verzweiflung mich ergriff, da schickte mir irgend ein Antiquar einen Katalog, in dem mir bis dahin noch unbekannte Werke über Yoga, Magie und dergleichen neue Hoffnung vorgaukelten..