Die Verwandlung des Blutes 3
 

(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
 
von  Gustav Meyrink
 


 

   

                      
                  


Eines Nachts, ich saß, da es Winter war und ein Hinausreiten auf meinen Hügel des tiefen Schnees wegen nicht möglich schien, auf einer Bank an der Moldau. Hinter mir ein alter Brückenturm mit einer großen Uhr. Ich hatte bereits einige Stunden, tief in meinen Pelz gehüllt, aber dennoch schauernd vor Kälte, dagesessen und in den schwarzgrauen Himmel gestarrt, mich abmühend auf jede nur mögliche Art, das zu erlangen, was mir Mrs. Besant in einem Briefe als inneres Schauen erklärt hatte. Alles vergeblich. Bis zu jener Zeit und zwar von frühester Kindheit an, war mir ein verblüffender Mangel eigen an der, vielen Menschen verliehenen Fähigkeit, mit geschlossenen Augen mir ein Bild oder ein bekanntes Antlitz vorstellen zu nnen. So war es mir beispielsweise gänzlich unmöglich zu sagen, ob der oder jener meiner Bekannten blaue, braune oder graue Augen, dunkles oder braunes Haar, eine gerade oder eine gebogene Nase besaß, wenn ich es mir nicht vorher ausdrücklich darauf hin angesehen hatte. Mit andern Worten, ich war gewohnt, in Worten und nicht in Bildern zu denken. Auf die erwähnte Bank hatte ich mich gesetzt mit dem festen Entschluss, nicht eher aufzustehen, bis es gelungen sei, das innere Gesicht mir zu erschließen; des erhabenen Vorbilds des Buddhas Gotamo eingedenk, der sich einst unter den Bodhibaum gesetzt hatte mit ähnlichem Entschluss. Ich hielt es natürlich nur etwa fünf Stunden aus und nicht wie Er Tage und Nächte.

 

Die Frage drängte sich mir plötzlich auf: wie spät mag es wohl sein? Da, gerade in diesem Augenblick jenes Herausgerissenseins aus meiner Versenkung sah ich mit einer Scrfe und Deutlichkeit, wie ich vorher niemals in meinem Leben irgendeinen wirklichen Gegenstand wahrgenommen zu haben mich erinnere, eine riesige Uhr grell leuchtend am Himmel stehen. Die Zeiger wiesen: zwölf Minuten vor zwei. Der Eindruck war so gewaltig, dass ich genau spürte, wie mein Herzschlag - nicht stockte, nein: wie er außergewöhnlich langsam wurde. So, als hielte eine Hand ihn fest. Ich drehte mich um, blickte auf die Turmuhr, die bis dahin hinter mir stand. Dass ich mich schon früher umgedreht tte und dadurch gewissermaßen einen Anhaltspunkt wie spät es war gewonnen haben könnte, ist vollkommen ausgeschlossen, denn ich hatte die fünf Stunden unbeweglich auf der Bank gesessen, wie es bei derlei Konzentrationsübungen strenge Vorschrift ist! Die Turmuhr zeigte ebenfalls, genau wie die visionär am Himmel Erblickte: zwölf Minuten vor zwei. - Ich war geradezu seelig; nur eine leise Angst: wird das »innere Auge« offen bleiben? - beschlich mich. Ich nahm meine Übung wieder auf; eine Zeit lang blieb der Himmel schwarzgrau und verschlossen, wie vordem. Plötzlich kam mir der Einfall, zu versuchen, ob es mir nicht gelingen möchte, mein Herz wieder so ruhig und gendigt schlagen zu machen, wie es von selbst bei der Vision oder vielleicht, chstwahrscheinlich sogar,: vor der Vision von selbst geschehen war. - Es war dies nicht so sehr ein Einfall gewöhnlicher Art, sondern vielmehr eine halb ertastete Schlussfolgerung oder Anleitung aus dem Sinn eines Satzes des Buddha, der sich mir aufdrängte, als me er aus dem unsichtbaren Mund des »Vermummten«. Der Satz lautete: »Vom Herzen gehn die Dinge aus, sind herzgeboren und Herz gefügt - Damals hat sich mir dieser Satz tief ins Blut geprägt; er ist nicht bloß die schöne Sentenz, die einer, der sie liest, als solche empfindet und zu einem Ohr hineingehen und zum andern wieder hinausgehen lässt, nein: sie ist der Inbegriff einer ganzen Philosophie, eine Erkenntnis, dass alles, was wir hier auf Erden und im materiellen Kosmos als außer uns objektiv bestehend wahrzunehmen vermeinen, nicht Stoff ist, sondern ein Zustand unserer selbst. Der Satz bildet auch den feinen Schlüssel zur wahren Magie und schließt nicht nur theoretische Erkenntnisse in sich ein. - Oft hat er mir im Leben, wenn ich mich verloren glaubte, geholfen wie eine starke mir zum Beistand hingehaltene Hand. Als ich viele Jahre später einmal 300 Meter tief abstürzte vom Dent du Jaman, fiel er mir gerade ein, als ich das erste Mal bei dem Sturz auffiel auf die linke Schulter und mir noch durch eine Körperdrehung eine andere Wendung und Richtung geben konnte, was zur Folge hatte, dass ich nicht, wie sonst unabwendbar gewesen wäre, in einem Steinbruch schließlich landete, sondern in einer Schlucht voll weichen Schnees. Ob der Satz mich gerettet hat? Ob er es war, der mir in Blitzesschnelle den Einfall gab: wende deinen Körper!? Wer könnte das mit Gewissheit sagen? Mir aber will scheinen, dass es so war. Ich saß auf jener Steinbank und starrte abermals in den Himmel. Endlich gelang es mir auch, den früher gehabten Ruhestand des Herzens wieder in meiner Brust herbeizuführen. Sogleich trat das Resultat ein. Es war, als wiche ein kreisrundes Stück des Nachthimmels zurück.Als se es sich los aus der Atmosphäre und schöbe sich hinein in immer weitere unermesslich tiefe Fernen des Raumes. Ich beobachtete mich selbst dabei so scharf ich nur konnte. Dabei wurde mir bald klar: all das geschieht nur zu dem Zweck, damit du die Augachsen parallel stellst. Zugleich erinnerte ich mich, in Büchern gelesen zu haben, dass der Blick der Somnambulen im Zustand der Ekstase immer wie in die Ferne schauend gewesen sei. Es dauerte auch nicht lange, da war es mir gelungen, nicht nur einigermaßen Herr zu werden über den Herzschlag - in geringem, aber immerhin ausreichendem Maße -, sondern auch über die Blickrichtung meiner Augen, und, was ich nie vorher im Leben gekannt hatte, trat fast unmittelbar darauf ein: geometrische Formen bildeten sich zuerst in dem kreisrunden Himmelsausschnitt. Als erstes Zeichen das sogenannte »In hoc signo vinces« = das Kreuz in einem lateinischen großen »H« stehend. Ich sah es mit kühlem und wie unbeteiligtem Herzen, keine Spur von Selbstüberhebung oder dergleichen ergriff mich; übrigens natürlich, denn für christliche Ekstasen habe ich schon damals wenig Verständnis gehabt. Es interessierte mich lediglich als »Zuschauer«, dass gerade mit diesem altwehrwürdigen Sigill der Reigen meiner Gesichte begann. Dann traten andere geometrische Figuren vor; manche den Zauberzeichen ähnelnd, wie man sie in mittelalterlichen Faustbüchern sieht. Sie waren sämtlich farblos. Erst viel ster erschienen mir Bilder, farbig und leuchtend; sehr oft griechische Statuen, wie z. B. die der Pallas Athene. Alle diese Bilder hatten eines vor allem gemeinsam: sie waren von einer Schärfe, Farbenpracht und Helle, dass Dinge der Erde dagegen wie verblasst und verschwommen erscheinen. So schwer das zu begreifen ist: zuweilen konnte ich sie von allen Seiten zugleich sehen, so als ob das innere Auge nicht eine Linse sei, sondern gewissermaßen ein Kreis, herumgezogen um das visionäre Bild. Schließlich bekam ich eine solche Übung im inneren Schauen, dass ich das Bildersehen beliebig heraufbeschwören konnte, auch, wenn ich mich äußerlich keineswegs in Ruhe befand, sondern mich zum Beispiel mit jemand Beliebigen in irgendeiner Weise gleichgültig unterhielt. Eine Lieblingsübung bestand für mich darin, während ich im Kaffeehaus die Zeitung las, einen mir häufig erscheinenden, großen verworrenen Knäuel aus Seil zu betrachten und ihn dann im Geiste, so deutlich, als läge er in Wirklichkeit vor mir, Schlinge für Schlinge aufzulösen, bis er endlich vor mir lag, kreisförmig zusammengerollt, gleich einem Ankertau auf einem Schiff. Ein Umstand, dem ich eine große Bedeutung zumesse, da er mir beweist, dass nicht der äußere Mensch allein es ist, sondern da noch etwas tieferliegendes, das die Bilder hervorruft, ist: ich kann mir auch heute noch nicht ganz nach freiem Belieben beliebige Visionen vors Auge zaubern. Es wäre das wertlos, wenn ich es könnte. Es hätte seinen eigentlichen Zweck als Mitteilung für mich verfehlt. Nur das Tagesbewusstsein spräche dann zu mir von dem, was ich mit andern Worten sowieso schon weiß!Die Fähigkeit des innern Sehens, die ich mir in jener Winternacht erwarb oder erschloss, war, nebenbei bemerkt, der erste Einschnitt in mein Schicksal, das mich, sozusagen mit einem' Ruck, aus einem Kaufmann zum Schriftsteller machte: meine Phantasie wurde gegenständlich. Vorher hatte ich in Worten gedacht, von da an konnte ich auch in Bildern denken; in Bildern, die ich sah, als seien sie leibhaftig; nein: hundertmal leibhaftiger und wirklicher als irgend ein körperliches Ding. »Visionen«, es ist eine Phrase im Munde der Menge geworden; wenige haben sie erlebt, aber alle »wisse genau, wie eine Vision angeblich ausschaut. Verschwommen, schleiermäßig, so faseln sie. So habe auch ich gefaselt, als meine Augen noch blind waren.Als Dichter wird einer gefeiert, wenn er eine scharfe Naturbeobachtungsgabe besitzt und sie mittels Tinte auf Papier bringt. Ein mmerlicher Photograph ist er, weiter nichts. Mit der Kunst, die ich meine, hat dergleichen nichts zu schaffen. Mit Theater - vielleicht. - Auf Malkunst hat die Vision wohl den größten Einfluss, vorausgesetzt, dass sie nicht nur das Auge und das innerste Gehl ergreift, sondern auch die Hand, so dass diese instand gesetzt wird, das Bild zu reproduzieren. Ich kenne viele Maler und fast jedem habe ich mich bemüht, klar zu machen, dass er ein Modell gar nicht brauchte, wenn er nur wüsste, wie man das innere Auge öffnet. Sie haben mir verständnislos zugehört. Versucht hat es noch kein einziger, was ich ihm riet. Sie pausen lieber die Natur durch, behext von dem albernen Lehrsatz: die Natur (die äußere nämlich) sei die Lehrmeisterin aller Kunst.