Die Verwandlung des Blutes 4
 

(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
 
von  Gustav Meyrink
 


 

   

                      
                  


Als ich nach jenem Erlebnis auf der Steinbank einen langen Brief an Mrs. Besant schrieb, schwieg sie lang. Dann bekam ich die Antwort: trachten Sie den Schleier zu zerreißen. Ich verstand nicht, was sie meinte; fragte immer wieder und wieder. Aus den Verlegenheitsphrasen, die sie mir schrieb - wenigstens erschienen sie mir als solche - schloss ich bald, dass Mrs. Besant keine Ahnung hatte, was sie mit mir weiter anfangen sollte. (Ein sonderbares Ereignis, zusammenhängend mit weiteren Visionen, die ich hatte, zerschnitt schließlich das Band, das mich an die theosophische Gesellschaft knüpfte.) Ich forschte weiter im Gebiete des Yoga. Geriet schließlich auf das Feld, das in Indien Bhaktiyoga heißt (Yoga, geübt durch Suchen nach Gott, durch Inbrunst, durch religiöse Ekstasen). Der Vermummte, oder soll ich es ein gütiges Geschick nennen?, hat mich bewahrt, von Ekstasen heimgesucht und zerschmettert oder zerrissen zu werden wie alle die Unglücklichen (oder Glücklichen, falls sie das Ziel erreichen), die Bewußtseinsspaltung erleiden, Stigmen bekommen, oder das »Licht« sehen wie Ruysbroeck und in ihm entwerden, wähnend, sie tten Gott gefunden als ein Objekt, vergessend, dass der Einige Gott, von dem sie immer reden, stets nur Subjekt sein kann. Sie kommen mir vor wie tter, die ein Kind in sich tragen und sterben, wenn sie es gebären. - Wer weiß, ob auf solche Weise nicht auch bisweilen Wechselbälge in die unsichtbare Welt der Ursachen hineingeboren werden und dann - zu Molochs anwachsend - von drüben her jenes Gift in die Gehirne der Menschheit herabträufeln lassen, das wir geistige Epidemie nennen, wie etwa der Bolschewismus eines ist oder Kinderkreuzzeug war. Ehe man in den innern Kreis der Theosophischen Gesellschaft aufgenommen wurde, erhielt man (ich ebenfalls) die eindringliche Warnung: »wer nicht festhält bis zum Ende, der ist unerhörten Gefahren auf geistigem Gebiet ausgesetzt Als ich Mrs. Besant meinen Austritt mitteilte, antwortete sie mir kurz:

»I know, the snakes of Mara are many.« (»Ich weiß, der Schlangen Maras [indischer Ausdruck für: der Versucher] sind viele.«) Ich will kurz andeuten, worin das Haupterlebnis bestand, das mich bewog, aus der Theosophischen Gesellschaft auszutreten. Der eigentliche Zweck der dreimonatigen Probezeit, die der endgültigen Aufnahme in den » Innern Kreis« vorausgeht, ist: den »Führe zu finden. Ein Führer nämlich ist Grundbedingung und unerlässlich auf dem Weg des Yoga und der Magie. - Da ich annahm, ich würde durch die Bilder, die mir erschienen, einen Wink oder Hinweis erhalten, auf welche Weise ich einen hrer finden könnte, bemühte ich mich unablässig, immer neue Visionen aus meinem Innern hervorzuholen. (Durch Beruhigung des Herzschlags und Parallelstellen der Augachsen, wie bereits erwähnt.)

 - Eines Nachts, wiederum gegen zwei Uhr, saß ich in meinem Junggesellenzimmer im »Padmasana» (eine bekannte Sitzstellung indischer Art) und übte das Pranayam nach der »Ham - ssa« Vorschrift, die darin besteht, dass man den Atem rhythmisch abwechselnd durch das linke und sodann rechte Nasenloch einzieht und wieder ausstößt. Eine eigentümliche Benommenheit im Kopf pflegt die Folge dieser Übung zu sein. Ich wusste damals nicht - zum Glück wusste ich es nicht! - daß der heimliche Zweck des Hamssa-pranayam der ist: eine Art Selbsthypnose herbeizuführen. (Ein junger Brahmane, den ich - im Jahre 1914 erst kennen lernte, sagte es mir.) Instinktiv bekämpfte ich die Betäubung; tte ich es nicht getan, wäre ich heute wahrscheinlich ein unglückliches Medium oder litte sonst irgendwie an Bewusstseinsspaltung, vielleicht sogar an religiösem Wahnsinn. So aber hielt ich an einer wertvollen Erkenntnis fest (an der Erkenntnis, die einen Edelstein bildet in der buddhistischen Lehre): bleib immer bewusst! Unbeweglich sitzend, blickte ich unverwandt auf einen großen schwarzen Kreis an der Wand, den ich dort zu Übungszwecken beständig hängen hatte. Ptzlich wurde dieser Papierkreis hell. Es war, als tte sich eine leuchtende Scheibe davorgeschoben. Ich war vollkommen wach und nüchternen Sinnes. Dann erschien in Lebensgröße eines erwachsenen Mannes eine weißgekleidete Gestalt darin, aber - ohne Kopf! Ich hatte damals bereits eine Unmenge Bücher okkultistischen Inhalts gelesen, und da ich überdies ein vorzügliches Gechtnis besitze und schon als junger Mensch besaß, fiel mir sofort eine Stelle aus einer solchen Schrift ein, in der es ausdrücklich heißt: Erscheinungen menschehnlicher Wesen » ohne Kopf« bedeuten für den, der sie sieht, äußerste Gefahr. Ein unbehagliches Gefühl beschlich mich; dennoch starrte ich weiter auf die lichtbeschienene Scheibe. Stellte mir die Frage: wieso geschieht es mir, trotzdem ich doch keinerlei Gifte genieße, ähnlich wie einem Morphinisten, der auch, bevor es mit ihm zu Ende geht, Visionen von Menschen mit abgeschnittenem Kopfe hat?
Inzwischen bildete sich - durch eine fingerbreite Kluft vom Rumpf getrennt - ein Gesicht unter einem Turban und bald wurden die Züge sichtbar. Es war ein Antlitz, so greisenhaft, dass es mir schwer fallen würde, einen Vergleich zu finden. - Eine Weile blieb die Vision, dann verschwand sie mit einem Ruck.

Fast einen ganzen Tag blieb der Eindruck, wie eingefressen in mein Bewusstsein, haften: ich konnte ihn nicht entlassen wie frühere Visionen, die ich hatte. Es war ein höchst widerwärtiges Gefühl, das erst wich, als ich mich nachts darauf - im Freien auf der menschenleeren Straße beim Nachhausegehen von einer Versammlung in der von mir gegründeten Loge der theosophischen Gesellschaft neuen Versenkungsübungen, das Suchen eines »Guru« (Führers) betreffend, hingab. Wiederum beruhigte ich mein Herz, da schoss, obwohl die Straße gut von Laternen erhellt war und ich ziemlich schnell meines Weges schritt, ein grünlicher mannsdicker Lichtstrahl einige Meter vor mir vom Himmel herab, und wo er auf die Erde traf, zerspaltete er sich in drei Teile, so dass er die Form eines dreizackigen Ankers bekam.
Ich blieb stehen, betrachtete das Phänomen kalt und ruhig. Keinen Augenblick hatte ich die Empfindung, es könnte irgend etwas anderes als eine Vision sein. Auch hier bewährte sich wiederum meine innerste Abneigung, mich durch Visionen außer Fassung bringen zu lassen. Ich hielt mein Herz fest - mit Gewalt möchte ich sagen -, denn ich fühlte, dass die Erscheinung des Lichtstrahls stärker auf mich wirken wollte, als es jemals früher bei meinen Geschichten der Fall gewesen war. Ich kann mir sehr gut denken, dass ein Mensch, der keine Erfahrung hat auf diesem Gebiet, wenn er ähnliches erlebt, in den Wahn verfallen kann, eine sogenannte göttliche Offenbarung zu empfangen und von da an ohne Halt und Schwimmgürtel hinaustreibt ins uferlose Meer theistischer Wahnvorstellungen.

Ich möchte hier ausdrücklich feststellen, dass meiner persönlichen Meinung nach alles, aber auch alles!, was mit Theismus zusammenhängt, Irrlicht ist. Ich will damit niemandes frommen Glauben erschüttern, oder wankend machen! Ich sagte ja schon an früherer Stelle, dass ich nicht einmal
    an das restlose Verderben jener glaube, die, gleichgültig gegen alles Okkulte und materialistisch gesinnt bis auf die Knochen, durchs Leben wanken. Es liegt mir fern, anzunehmen, dass die »Heen« - die theistisch Denkenden ausgespieen werden aus dem Munde des Lebens. Wenn ich ein Glaubensbekenntnis ablegen soll, so geschähe es vielleicht am besten so: wer ist der Jakob des alten Testaments, der mit dem Engel des Herrn gerungen hat eine ganze Nacht, bis er obsiegte über ihn? Antwort: Einer, der nicht den Marterweg theistischen Glaubens geht!