Die Verwandlung des Blutes 5
 

(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
 
von  Gustav Meyrink
 


 

   

                      
                  


 

Ramakrishna, der letzte indische Prophet - schon der englische Gelehrte Max Müller in London hat seine hohe Bedeutung hervorgehoben -, Ramakrishna, ein Bhaktayogi kat exochen, sagte einmal: »lang dient der Mensch seinem Gott; befolgt, was Er ihm sagt, tut alles, was Er tut, nur Seinetwillen und zu Seiner Ehre; ist weniger Ihm gegenüber als ein Sklave. Dann aber übergibt Gott eines Tages dem treuen Diener alle Macht und setzt ihn auf Seinen eigenen Thron.« Dies hier bemerkt für jene (es werden nicht allzuviele sein!), die den Weg des Bhakta gehen oder ersehnen!

 

Als das Licht, wie geschildert, vor mir stand, fragte ich mich: was hat das zu bedeuten? Was soll mir damit gesagt werden? Mich an dem Anblick zu erbauen, wie es vielleicht ein Frommer getan hätte, fiel mir nicht im entferntesten ein: Sogleich kam mir als Antwort der »Gedanke« - einen Gedanken nenne ich's, weil ich keinen andern Ausdruck finde -, eigentlich war es fast schon das Hören einer Stimme; sie belehrte mich: »der Anker heißt soviel wie: Festhalten oder Hoffen; die drei Zacken bedeuten: drei Tage. «

 

Nach drei Tagen geschah etwas so Sonderbares, dass ich mich kaum getraue, es hier niederzuschreiben, befürchtend, man könnte glauben, ich spräche die Unwahrheit und machte mich lustig über alle, die lesen, was ich schreibe. Soll ich beteuern, dass es nicht so ist? - Mag man mir glauben, oder nicht: es steht jedem frei. - Am dritten Morgen nach jener Nacht ging ich sehr früh in mein Geschäft, eine Wechselstube in Prag. Der Diener kehrte gerade den Laden rein; außer ihm war noch niemand vom Personal zugegen. Ich wunderte mich ein wenig, im Wartezimmer trotz der frühen Stunde einen Herrn sitzen zu sehen, und fragte daher, was er wünschte. Er war ein gutgekleideter Mann mittleren Alters mit einer Brille und schielenden Blickes. Er murmelte auf meine Frage ein paar unverständliche Worte, dann raffte er sich zusammen und sagte mit ein wenig krampfhafter Entschlossenheit: »Ich wünsche von Ihnen nichts; ich habe geglaubt, Sie wünschten etwas von - mir!« - Sofort fiel mir ein: »Warte drei Tage!« der Satz, der mir beim Anblick des Ankers zu Bewusstsein gekommen war. Das sodann schnell und lückenlos geführte Gespräch mit dem fremden Herrn ergab: er hieß 0. K., war lange Zeit Professor oder Lehrer der Chemie in Japan gewesen, lebte seit längerer Zeit in Dresden und sei, Spiritist. Aber nicht Spiritist im landläufigen Sinne, sondern eher ein »Frommer«, ein Bhaktayogi auf christliche Weise. Die Gabe automatischen Schreibens sei ihm von Kindheit an verliehen; aber nicht »Geister« gäben sich durch seine Hand schreibend kund, sondern niemand anderer als Jesus Christus selber. Ich hörte geduldig zu und hatte bald herausgefunden, dass ich es diesmal nicht mit einem Schwindler zu tun hatte, wie oft in früheren Fällen, sondern schlimmstenfalls mit einem religiösen Schwärmer. Ich will feststellen, dass ich damals trotz meiner Jugend eine ungemein scharfe Menschenkenntnis besaß und mit Treffsicherheit Lügen von Wahrheit zu unterscheiden vermochte. Kein Wunder übrigens: wer so jung wie ich in den Bankierberuf eintritt, liest sehr bald in den Herzen der Menschen wie in einem aufgeschlagenen Buch. - Ich forderte Professor K. auf, mit mir in meine Wohnung zu kommen, da ein Wechslerladen mir nicht der richtige Ort schien, Fragen über Okkultismus, Yoga oder Prophetie zu erörtern. Dort angelangt, erzählte mir Herr K.: vor genau drei Tagen - die Stunde stimmt mit der meiner gehabten Vision überein! habe er in der Nacht wie gewöhnlich dem automatischen Schreiben obgelegen, da habe sich plötzlich seine Hand gesträubt, einen begonnenen Satz zu beenden, und habe statt dessen einen neuen Satz geschrieben des Inhalts: fahre nach Prag zu einem Bankier namens M. (zu mir nämlich), so dass du am dritten Tag früh morgens bei ihm sein kannst! - K. beteuerte mir, meinen Namen früher nie gehört zu haben. Er sei aufs Geratewohl nach Prag gefahren und habe mich aufgesucht. Auf meine Frage, was er mir denn mitzuteilen hätte, sagte er: genau wisse er es freilich nicht; er hätte aber das Gefühl, ich schwebte in großer Gefahr und er sollte mich retten. Er vermutete, ich wäre »asiatischen Teufeln« in die Hände gefallen. (Ich hatte ihm bis dahin mit keinem Wort angedeutet, dass ich mich mit Yoga befasste.) Ich blieb den ganzen Tag mit K. beisammen und lauschte den sonderbaren - ich möchte fast sagen: verzückten Reden, die er mir hielt.

E
r sagte, es gäbe nur einen Weg, aus einem öden Normalmenschen ein geistig Wertvollerer zu werden, und das sei der Weg der Offenbarung, die einem zuteil würde, wenn man gewisse christlich fromme, apokryphe Anweisungen befolge, die man am treffendsten rosenkreuzerisch nenne, da sie sowohl der protestantischen, wie auch der katholischen Kirche fremd seien. Er gab mir solche Anweisungen. Da er über ein erstaunliches Wissen verfügte und ein Gelehrter im besten Sinne zu sein schien, schlug er mich - wesentlich jünger als er war ich sowieso und daher nicht so selbstbewusst, wie ich hätte sein sollen -allmählich in seinen Bann. Ich wundere mich heute darüber nicht; sitzt jedem Menschen, der von Kindheit an christlich erzogen wurde, doch der Theismus im Blut. Bei Menschen, die sich nicht mit spirituellen Angelegenheiten im Laufe späteren Lebens befassen, tritt an Stelle des Theismus etwas, was so aussieht, wie Atheismus. Ich vermute nur, dass ein solcher Atheismus selten echt ist; meist ist er verschütteter Theismus. - Bei den Reden K's wachte in mir der Theismus der Kinderjahre wieder auf, wurde umso wacher in mir, als die Erinnerung an die Vision des Mannes mit dem abgeschnittenen Kopf mir plötzlich einen tiefen Sinn zu bekommen schien: es gemahnte mich, als sei jenes Erlebnis etwas ähnliches, wenn auch nur im Kleinen, gewesen wie einst das Erlebnis des Paulus vor
Damaskus.