Die Verwandlung des Blutes 6
 

(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
 
von  Gustav Meyrink
 


 

   

                                        


K. nannte mir eine Reihe von Büchern, die besonders ersprießlich für mich sein würden. Es waren vor allem die Werke eines gewissen Jakob Lorber. Ich schaffte sie mir alsbald an und las sie gewissenhaft durch. Wenn je einem Menschen übel war, so mir bei der Lektüre. Aber ich belog mich mit einer Ausdauer, die ich heute nicht mehr begreife: das, was da stünde, geschrieben mit verzuckertem Rosenwasser, sei der Inbegriff des Heils. –Hätte die Begegnung mit Professor K. mit weiter nichts geendet, als mit dem Hinweis auf den gottseligen Jakob Lorber, so wäre es noch tragbar für mich ausgefallen. Zwar hätte ich den Sinn der Erscheinung des »kopflosen« Mannes später wahrscheinlich nie erfasst, aber ein langer Dornenweg wäre mir erspart geblieben. Ein Dornenweg von vollen dreizehn Jahren. - Die Sache endete so: K. hatte nachmittags den Zug nach Dresden zurück bestiegen, da drehte er sich plötzlich um und sagte: richtig, eines und zwar das Wichtigste, wie mir soeben einfällt, habe ich Ihnen zu sagen vergessen: In Wien lebt ein Mann namens X.Y. Er und viele andere ehemalige Theosophen, Deutsche und Engländer, sogar ein indischer Brahmane namens Babajee sind die Jünger. eines echten Rosenkreuzers, der, ein einfacher Handwerker wie einst der berühmte Jakob Böhme, irgendwo in Hessen wohnen soll und den wahren Yoga kennt und lehrt, wie er verborgen dem Neuen Testament zu Grunde liegt.»

 

Mich durchfuhr es wie ein Blitz: der erwähnte X.Y. in Wien war ein Freund von mir seit ziemlich langer Zeit. Außerdem kannte ich einen gewissen Dr. Franz Hartmann (auch diesen hatte K. zusammen mit X.Y. genannt), der, wie ich wusste oder vielmehr es den Theosophen nachschwätzte, zu den Eingeweihtesten der »Eingeweihten« im Yoga gehörte. Wenn er und X.Y. und noch andere, deren Namen ich hier nicht nennen will, Schüler des angedeuteten Rosenkreuzers waren, dann hatte ich endlich, der Prophezeiung des »Innern Kreises« der Th. S. gemäß, ja den »Guru« gefunden! Ich fuhr sofort nach Wien und besuchte meinen Freund X.Y. Als Gast weilte bei ihm ein Engländer namens G. R. S. Mead, wie ich wusste: Secretary der theosophischen Gesellschaft in Adyar in Indien. Durch ein Zeichen mit der Hand gab er mir zu erkennen, dass er ebenfalls Mitglied der »Eastern School« (Innerer Kreis) war. Ich sagte, ich hätte ein gewisses Erlebnis kürzlich gehabt, und fragte, ob ich vor X. Y. offen reden könne. Mead nickte. Ich begann zuerst von der Erscheinung des Mannes ohne Kopf zu erzählen. Plötzlich fragte Mead, ob der Mann von der Schulter bis zur Hüfte nicht eine weiße Brahmanenschnur getragen hätte. Ich bejahte. Ob ich die Schürzung eines Knotens in der Schnur bemerkt hätte? Ich schloss die Augen, rief das Bild von damals wieder vor mir wach, sah sofort und genau den Knoten und gab die Art der Schürzung an. Mead erhob sich, berührte seine Stirn und sagte: »T' was the Master. « - Ich schielte zu X.Y. hinüber; es schien mir, als unterdrücke er ein spöttisches Lächeln.

 

Als ich sodann mein Erlebnis mit Prof. K. zu schildern begann, wurde X.Y. immer ernster und ernster. Beim Erwähnen der letzten Worte Professor K's, den rosenkreuzerischen Guru betreffend, legte er schnell den Finger auf die Lippen, mir bedeutend, ich solle sofort schweigen. Ich brach mit ein paar Phrasen meinen Satz ab. Später nahm mich X.Y. beiseite und erzählte mir Dinge, dass mir die Haare zu Berge standen über die Theosophische Gesellschaft. Ich glaubte sie! Die ausweichenden Antworten, die mir Mrs. Besant auf meine brieflichen Fragen betreffend den Yoga gegeben hatte, der grässliche Kitsch, der bisweilen in theosophischen Siftings gestanden hatte - das und manches andere noch bestärkte mich in der Annahme, alles sei richtig, was X.Y. mir mitteilte. Dazu kam, dass ich kurze Zeit vorher von William Judge aus New York einen Brief erhalten hatte (Judge galt als ein direkt von den sogenannten Mahatmas Tibets Eingeweihter) des Inhalts: die »Meister« erkennen Mrs. Besant in keiner Weise als Präsidentin der Gesellschaft an und hätten ihn ausdrücklich bevollmächtigt, dies den Mitgliedern der »Eastern School« mitzuteilen. - Alles, was ich bis dahin geglaubt, wankte unter mir. Ich brachte die ganze Nacht mit Versenkungsübungen zu: kein Bild erschien, das mir einen Wink gegeben hätte.

Der »Vermummte« schien seine Hand von mir abgezogen zu haben. Professor K. hatte mich - geimpft, der Ausschlag brach hervor: am nächsten Tag sagte ich meinem Freunde X.Y., ich sei bereit, die Führerschaft des »Rosenkreuzers« (der Name wurde mir genannt) anzuerkennen. Als X. Y. meine Worte mit großer Aufmerksamkeit zu Ende angehört hatte, zeigte er mir ein Telegramm, das er kurz vorher erhalten haben wollte, es lautete ungefähr: ich sei bereits von dem »Guru« vor einigen Tagen (das Datum dieser Aufnahme fiel mit dem Tag meiner Vision des Ankers zusammen) aufgenommen worden. X.Y. versicherte mir, der gewisse Rosenkreuzer sei hellsehend in geistigen, bisweilen auch physischen Dingen und ich könnte mich fest darauf verlassen, dass mit dem »neuen Schüler« ich und niemand anders gemeint sei. - Des Jubels voll, schrieb ich an Annie Besant, dass ich der Prophezeiung gemäß, die sie mir bei Anbeginn gegeben, den gefunden hätte, der insgeheim unter dem Titel »Guru« wohl zu verstehen gewesen sei. Mrs. Besants Antwort: »the snakes of Mara are many« - ich habe es bereits früher erwähnt -folgte auf dem Fuße. - Der Mann ohne Kopf fiel mir sofort ein
.  Wer ist der verdächtige »Mensch« ohne Kopf? so fragte ich mich. Ein Symbol natürlich, was sonst! Aber was wollte mir das Symbol sagen? Unheil verkünden, das spürte ich wohl. Doch was nützt eine Verkündigung, wenn der Weg nicht gezeigt wird, der Gefahr zu entrinnen?! Wovor wollte mich der vermummte Lenker meines Schicksals warnen, indem er mir die Erscheinung des Brahmanen ohne Kopf vor Augen stellte?! Ich fragte mich und fragte mich. Konnte die Antwort nicht finden! War die »Eastern School« der Mann ohne Kopf? War es der soeben gefundene rosenkreuzerische Führer?! Ich schwankte hin und her. In den dreizehn Jahren Dornenweg, der darauf folgte, habe ich mich immer wieder und wieder gefragt. Gefragt, ohne die Antwort zu bekommen, zumindest eine Antwort nicht, die ich haben wollte: eine Antwort, klar, deutlich und nicht misszuverstehen. »Antworten« bekam ich wohl, aber pythische, einmal sagten sie so und das andere Mal das Gegenteil. - Heute erst, wo all das Jahre zurückliegt, weiß ich genau, was das Bild des Mannes mit dem abgeschnittenen Kopf zu bedeuten hatte. Wer nachdenkt, kann es leicht selber herausfinden. Ich selbst scheue mich, es offen herauszusagen. Aus Gründen, die jeder erraten wird, der, das was ich geschrieben habe, aufmerksam gelesen hat. - Einige Wochen später fuhr ich in den Ort in Hessen, wo der Rosenkreuzer wohnte. Er war ehemals Webergeselle gewesen, konnte weder lesen noch schreiben, hatte seltsame Erfahrungen auf dem Gebiete des Spiritismus gemacht, nannte ihn die Vorschule zum wahren Wissen, das einzig und allein aus dem Herzen käme, wenn dieses zu sprechen begänne.

Dies Sprechen des Herzens nannte er das innere Wort. Es erwache mit der Zeit und werde verliehen durch die »Gnade« im christlichen Sinne: Den Weg dazu wies er seinen zahlreichen Schülern, indem er ihnen Sätze, die er, wie er sagte, durch seine innere Stimme für jeden einzelnen erhielt, zu murmeln gab. Durch solches Insichhineinmurmeln erwache alsbald die Sprechfähigkeit des eigenen Herzens und außerdem geschähe eine gewisse Umwandlung des Leibes, bis am Ende des Weges der Unsterblichkeitsleib Christi im Schüler anerzogen worden sei und damit das Ewige Leben. Nach seiner Ansicht war der Körper der Anfang, mit dem man zu beginnen hätte. Frömmigkeit im kirchlichen Sinne galt ihm nichts oder nur wenig, wenn nicht dazu die erwähnte Umgestaltung des Körpers trete. Wenn ich weiter nichts von dem Manne gelernt hätte, als das Wissen, dass der Körper in die Verwandlung des Menschen durch Yoga einbezogen werden müsse, wäre ich ihm schon dieser Erkenntnis wegen zu Dank fürs ganze Leben verpflichtet! Eine solche Umgestaltung des Leibes aus eigenem Verstandeswissen und eigener Anstrengung zu erzielen, sagte er, sei vollkommen unmöglich
.Auch darin hatte er recht. »Es muss von oben etwas hinzukommen, was die Veränderung hervorbringt«, so drückte er sich aus. Er meinte mit diesem »Von oben« natürlich Jesus Christus; den auferstandenen Jesus Christus, der den Tod überwunden habe und täglich um uns sei, und nicht den gekreuzigten. Denn wer den Gekreuzigten sich beständig vor Augen führe, wie es von katholischen Mönchen, insbesondere den Jesuiten geübt wird, und nicht den Lebendigen, Auferstandenen, dem würden »die Knochen gebrochen« - oder er bliebe am Kreuz hängen. Als Beispiel nannte er mit Vorliebe die Katharina Emmerich, die bekannte Stigmatisierte.

S
eine Lehre, die Verwandlung des Leibes betreffend, war ungemein tiefsinnig und seltsam; sie gemahnte mich oft an die Gnostiker und ihre Behauptungen.
Er sagte: Taufe, Fußwaschung, Abendmahl, sowie die Kreuzigung in ihrem genauen Verlauf, wie er in den Evangelien aufgezeichnet steht, alles das müsse buchstäblich am eigenen Leib erlebt werden, sonst bleibe es Theorie, Gehörtes oder Gelesenes und habe nur den Wert christlicher Erbauung. Von seinen 54 Schülern lernte ich viele kennen; kein einziger war unter ihnen, den ich mit dem Namen Frömmler belegen dürfte, eine alte Dame vielleicht ausgenommen. Meist waren es elegante, vornehme Leute, von ein paar schlichten Handwerkern abgesehen. Von Askese oder dergleichen keine Spur, weder bei dem »Führer« noch bei irgend einem Schüler! Umso seltsamer, dass fast alle mit der Zeit die »Vorgänge«, die »J ... « - so nannten wir allgemein den Führer - für so wichtig hielt, an sich erlebten. In Visionen oder -zumeist im Traum - nicht nur, sondern auch am Körper. Trotzdem kein Einziger vorher wusste, welche Erscheinungen stattfinden würden! - war es doch jedem streng verboten, dem andern mitzuteilen, was er erlebte - aus dem Grunde, damit Autosuggestion ausgeschlossen bleibe.