Die Verwandlung des Blutes 7
 

(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
 
von  Gustav Meyrink
 


 

   

Einen solchen »Vorgang« will ich hier nennen: er bestand darin, dass Buchstaben auf der Haut erschienen. (Dermographie nennt es die ärztliche Wissenschaft und zählt dies Phänomen der Hysterie zu, ohne natürlich zu wissen, was Hysterie im Grunde eigentlich ist.) jeder solcher Buchstabe hatte eine bestimmte Bedeutung und gab die Entwicklungsstufe an, auf der sich der Betreffende befand. - Der Laie könnte nun leicht zu der oberflächlichen Meinung neigen, es hätte sich hier um wertlose Schwärmerei oder ähnliches gehandelt. Eine solche Ansicht wäre gänzlich falsch! Ich muss im Gegenteil bestätigen, dass die Lehrmethode jenes »Führers« ein inneres Leben erweckte, von dessen Reichhaltigkeit und Wert sich niemand einen Begriff machen kann, der nicht ähnliches an sich selbst erfahren hat. In jene meine Lehrzeit fällt auch die Veränderung des Blutes, die mich zwang, Schriftsteller zu werden. Von andern Verwandlungen, die ich hier nicht ausführen kann, ganz abgesehen. Die erste Lockerung meines Innern freilich brachte das früher geschilderte Erlebnis des »Augenauftuns« auf der Bank an der Moldau in Prag.

 

Wie sehr die Übung des Satzmurmelns auf den Menschen wirkt und wie gründlich es den Charakter wandeln kann, davon hier ein Beispiel: Eines Tages kam der aus der Geschichte der theosophischen Gesellschaft bekannte Dr. Franz Hartmann, der ebenfalls einer meiner Mitschüler war, zu dem Führer und bat ihn, einen jungen Mann als Schüler aufzunehmen, der wie selten einer geeignet scheine, der Lehre teilhaftig zu werden. Er lebe wie ein Asket strengster Ordnung und zurückgezogen von der Welt seit Jahren wie ein Heiliger. Der Führer dachte eine Weile nach, horchte anscheinend auf seine innere Stimme und sagte dann mit großer Sicherheit: »Du irrscht, Fränzle (der Führer war nämlich ein Schwabe), der Mann ischt net ächt; er glaubts blos!« Dr. Hartmann beteuerte, er kenne den jungen Mann genau; die Ansicht, er sei unecht, wäre falsch. »So will ich ihm eine Übung geben, damit du siehscht, wie es sich mit seinem Innersten verhält«, war die Erwiderung. Ein halbes Jahr später traf Hartmann den jungen Menschen in einer Großstadt in einen eleganten Dandy verwandelt. Höchst erstaunt fragte er ihn, was sich denn begeben hätte. »Ach, ich habe kaum ein paar Tage die Übung gemacht, die Sie mir im Auftrage jenes hessischen Narren gaben, da kam es wie eine Erleuchtung über mich und ich habe den ganzen mystischen Plunder entschlossen über Bord geworfen«, sagte der junge Mann mit strahlendem Lächeln. Ein paar Monate später starb er an phagedäner Syphilis. - »Siehscht du: er ischt offenbar geworde«, meinte »J ... « nachdenklich, als Hartmann ihm den Vorfall berichtete, » schad', ich hab' ihm net helfe könne! « - Von den zahlreichen Schülern, die der Führer hatte, erlebten nur zwei so gut wie keine Vorgänge. Der eine war mein Freund L. - und der andere ich. L. ist inzwischen mit der Gelassenheit eines Heiligen in hohem Alter gestorben. Warum gerade er, der ein gläubiger Christ war, nichts dergleichen erlebte, trotzdem der Führer ihn stets seinen Lieblingsschüler nannte, wird mir ein Rätsel bleiben. Bei.mir ist es einigermaßen erklärlich, denn eine so wahnwitzige Mühe ich mir auch gab, mich in die Anschauungen des »J ... « hineinzuleben und hineinzulügen, aus einem Saulus bin ich niemals ein Paulus geworden.

 

Dreizehn Jahre habe ich Tag für Tag, ohne auch nur einen einzigen auszulassen - ich schob die wichtigsten Handlungen, die das äußere Leben vor mich stellte, deswegen wie oft beiseite! - acht Stunden lang die »Mantrams« geübt: Kein einziger Vorgang trat ein. Der Führer sah mich, wenn ich ihm meinen Jammer klagte, jedesmal lang und ernst an und sagte: »Du muscht Geduld habe. « Das einzige, was ich erlebte, waren sonderbare bohrende Schmerzen in den Flächen der Hände und Füße, leise Vorzeichen von Stigmen. Andere hatten sie viel deutlicher, bei einigen zeigten sich die Wundmale in Form roter kreisrunder Flecken. »Kreuzigungsschmerzen«, nannte sie der Führer - Anzeichen der Veränderung des Blutes. Ekstasen erlebte keiner meiner Mitschüler; wäre es der Fall gewesen, hätte der Führer seine schärfste Missbilligung ausgesprochen, denn Hauptsache war in seiner Lehre, dass das Tagesbewußtsein geschärft und nicht gespalten oder geschwächt werden dürfe. Und dieses Bleiben im Körper im Gegensatz zum »Aussichheraustreten«, wie es zum Beispiel in den Mysterien der alten Griechen gelehrt wurde, ist ein weiteres Fundament, wertvoll auf dem Weg des wahren Yoga wie kein zweites, das in mich gelegt zu haben, jener Führer mir wie ein Kleinod fürs Leben mitgegeben hat. Es gibt nämlich eine gewisse Methode, »den Körper bei Lebzeiten zu verlassen« (dieser Ausdruck ist bei einigermaßen geschulten Okkultisten gang und gäbe, obwohl der Vorgang mir anders als so grobsinnlich zu sein scheint) und sie gilt quasi als Einweihung; in Wirklichkeit ist sie die übelste Schizophrenie, die sich denken lässt. Sie führt früher oder später zum Hochgrad des Mediumismus: unheilbarer Bewusstseinsspaltung. Die alten Griechen waren also, so sonderbar es auch klingen mag, bei ihren Mysterien nichts anderes als Opfer einer - Krankheit. jene ausgenommen, die den Sprung über die Kluft: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen« tun konnten. Die Lehre jenes hessischen einfachen Mannes gipfelte darin: Die Seele des Menschen lebt im Körper, nicht, um ihn zu verlassen, so wie einer umkehrt, der sieht, dass er in eine Sackgasse geraten ist, sondern um die Materie zu verwandeln! - Er glich in vielen seiner Erlebnisse dem Seher Jakob Böhme, der heute jedem Gebildeten bekannt ist als wunderbarer Mensch; er übertraf ihn als Hellseher in manchem Grade, aber himmelhoch übertraf er ihn durch die erwähnte Erkenntnis, dass ein Weggehen von der Welt falsch ist, so erhaben diese Weltflucht auch scheinen mag.Man wird mir seitens derer, die Interesse an der Mystik haben (alle andern freilich werden das übliche Grinsen bisher nicht einmal unterdrückt haben) einwenden: alle Mystiker, von denen die Geschichte erzählt, sogar der Buddha Gotamo, haben gepredigt und gelehrt: weg von der Welt! Der Buddha z. B. hat sie das brennende Haus genannt, das so eilig wie möglich zu fliehen Wahrheit, Verstand und Vernunft geböte. Ich weiß es, aber alles schreit in mir: falsch, falsch, falsch wohl liegt eine gewisse Wahrheit ihrer Lehre zugrunde, aber sie kann, und wie ich überzeugt bin: sie muss sogar ganz anders gedeutet werden! Zumindest für einen Menschen der Jetztzeit! Ich bin so frei, in dieser Hinsicht anders zu denken als die erhabenen Vorbilder der Vergangenheit. Vergangenheit ist immer giftig, wenn man sie auffasst wie ein Dogma. Ich habe erwähnt, dass von allen Schülern des Mannes in Hessen ich nebst meinem Freund L. der einzige war, der die Verwandlung des Leibes nicht in jener Richtung erlebte, die der Absicht des »Führers« und damals auch meiner Absicht entsprach. Seine Vertröstung, ich solle geduldig warten, hat mich dreizehn Jahre im Feuer der Hoffnung schmachten lassen; später nach seinem Tode, der übrigens einen dicken Strich durch seine und seiner Schüler Prophezeihungen bedeutete, verriet mir eines Tages L.: Der Führer hätte ihm anvertraut, meine Unschmelzbarkeit in den Gluten der Übungen sei die Folge, dass ich im tiefsten Innern einem ganz andern Ziele zustrebe als dem von ihm gelehrten und gepredigten christlichen. Er sähe eine Aufgabe darin, mich auf den »richtigen« Weg zu bringen. Ich war sehr erstaunt, als mein Freund mir das verriet; hatte ich doch nie - auch nicht mit halben Hinweisen - verraten, wie wesensfremd mir nicht nur das Christentum der Kirche, wie auch das rosenkreuzerischgnostische des »Führers« beständig blieb, wenn ich in Stunden äußerster Offenheit gegen mich selbst mich erforschte. »Semitischer Aberglaube«, so hatte sich einst Schopenhauer geäußert, als er seine Anerkennung dem Buch »Das Oupnekhat« (Inhalt: Weisheiten der vedischen Upanishaden) zollte. Diese Worte Schopenhauers hatten, als ich sie las, schon in meinen Jünglingsjahren auf mich gewirkt wie belebende Lichtstrahlen.Ich will das Christentum natürlich in keiner Weise herabsetzen, indem ich das sage; im Gegenteil, ich bin überzeugt, es stünde um die Welt herrlich, wenn es mehr Christen (echte) gäbe. Nur bekennen wollte ich: trotz heißester Bemühungen ist es mir nie gelungen, den christlichen Glauben mir zu eigen zu machen, trotzdem ich von Kindheit an darin erzogen wurde. Für Lauwarme freilich mag derlei ein Kinderspiel sein.