| Die Verwandlung des Blutes 12 |
| (aus Fledermäuse , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank) |
| von Gustav Meyrink |
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Da fiel mir wieder ein wie einst auf der Steinbank an der Moldau: »Vom Herzen gehn die Dinge aus, sind herzgeboren und herzgefügt« und ich unterdrückte einen Jubelschrei; was brauchte ich noch »Glauben« und ähnliche Rezepte, die denen im Kochbuch gleichen: »Man nehme hundert Eier und so weiter« (man nehme! Jawohl, aber woher?!). Das Herz beruhigen! Das war etwas, was ich hatte und konnte, und nicht eine himmlische Seifenblase. Ich schickte den freundlichen Gedanken in meine Brust hinab und schon nach wenigen Minuten war der Puls so bedeutend herabgemindert, dass ich ihn höchstens auf 40 Schläge in der Minute schätzte.
Eine wundervolle
Ruhe
ergriff
mich,
dass
es
mich
nicht
einmal
störte,
als
ein
Mitreisender
eine
Frage
an mich
richtete;
ich
stellte
mich
schlafend.
Der
richtige
tiefe
Schlaf
trat
alsbald
ein.
Wenige
Minuten
später
erwachte
ich.
So
wie
damals:
Keinerlei
Erinnerung,
ob das
Experiment
geglückt
sei,
oder nicht.
Dagegen
das
Gefühl
einer derartigen
Siegesgewissheit,
dass
es
mir
buchstäblich
unmöglich
war,
mich
weiter
zu sorgen
oder
zu zweifeln.
Ich
beschwor
geradezu
Zweifel
aller Art,
weil
es
mich interessierte,
ob sie
sich
überhaupt
rufen
ließen.
Nichts
hätte
näher gelegen
in jener
Lage,
als
dass sie
über
mich
hergefallen
wären
wie
wilde
Tiere!
Seltsam
genug:
sie
waren
wie
ausgetilgt!
Es
gibt
eben eine
innere
Gewissheit,
die nichts
anderes
sein
kann
als die
Folge einer
im
Schlaf
erlebten
unumstößlich
gewordenen
Tatsache.
Eine
solche
innere
Gewissheit
kann
man
den
»lebendigen«
Glauben
nennen.
Natürlich
geschieht
dann
auch
unabwendbar
alles,
was
man
auf
solche
Weise
glaubt.
Ein
abgrundtiefer
Irrtum
jedoch ist
es,
wenn
man
wähnt,
umgekehrt
durch
Glauben
etwas
bewirken
oder
verursachen
zu können!
Wer
solcher Ansicht
ist,
verwechselt
Ursache
und Wirkung!!
Als ich
in Prag ankam,
eilte
ich sofort
zu meiner Verlobten.
Die
Gedankenübertragung
war
restlos
gelungen.
Sie
erzählte
mir folgendes:
»Nachmittags
um die
angegebene Zeit, etwa
eine
halbe
Stunde
nach
dem
Essen,
hatte
ich
mich
auf
den
Divan
gelegt
und
war
eingeschlafen.
Plötzlich
fühlte
ich mich
gerüttelt
und
erwachte.
Mein
Blick
fiel auf
einen
polierten
Schrank,
der
neben
dem
Sofa
stand.
In dem
Glanz
seiner
Oberfläche
sah ich
dich
stehen
als
eine
ungefähr zwei
Spannen
hohe
Figur.
Du hattest
die Hand
warnend
erhoben.
Gleich
darauf
warst
du
wieder
verschwunden.
Ich
grübelte
nach,
was du
mir
wohl
mitteilen
wolltest,
konnte
es
jedoch nicht
erraten.
-
Eine
Stunde
später
fiel
mir ein,
ich
solle
hinausgehen
in
den
Hausflur
und dort
den
Briefträger
erwarten.
Ich
nahm
ihm
sodann
einen
Brief
ab.
Es
war
dies
höchste
Zeit,
der
Brief
wäre
sonst
in Hände
gefallen, für
die er
nicht
bestimmt
war!«
Zwei
Hauptmomente
sind
es,
die
den
Fall besonders
interessant
erscheinen
lassen:
es
war
kein
Spiegel
im Zimmer,
wie
ich
angenommen
hatte.
Ich
erschien
als
Bild vielmehr
in dem
Politurglanz
eines
Möbelstückes;
ich
hatte
also
mit
Verstand
und Überlegung
gehandelt.
Wäre
ich
aus
meinem
Körper herausgetreten,
wie
etwa
ein Spiritist
es
annehmen
würde,
so
wäre
mein zielbewusstes
Handeln
nicht
weiter merkwürdig
gewesen.
Diese
Erklärung
erscheint
mir jedoch
wenig
wahrscheinlich.
Dagegen
spricht,
dass
ich
als
Spiegelbild
nicht
so
gekleidet
war,
wie
im Eisenbahnzug,
nämlich
nicht
in
gewöhnlichem
Straßenanzug,
sondern
in einem
weißen
Mantel,
wie
sich
das Volk
oder Kinder
die
Geister
vorstellen.
Ferner
sagen
die Shabhavas
-eine
indische
Sekte
uralten
Ursprungs,
die
eine
sorgfältig
ausgearbeitete
Methode
befolgen,
um
aus
dem
Körper austreten
zu können,
dass
bei
wirklichem
räumlichenVerlassen
des
Leibes
Totenstarre,
verbunden
mit
Eiskaltwerden
der Glieder
eintritt.
Der
Körper
des
Betreffenden
könne von
selbst
nicht
mehr
zum
Leben erwachen;
ein
anderer
müsse
dies
bewerkstelligen
durch Massieren
der Haut
und Auflegen
eines
heißen
Teiges
auf
die
Scheitelgegend.
Bei
dem Fakir
Hari
Das,
von dem Dr.
Honigberger
vor
ungefähr
50 Jahren
berichtete,
geschah
dergleichen.
Nun ist es völlig ausgeschlossen, dass ich damals im Eisenbahnwagen in Katalepsie verfallen wäre; die Mitreisenden hätten es doch bemerken müssen! Das zweite auffallende Moment ist: Meiner Verlobten übertrugen sich meine Gedankenbefehle nicht in der Weise genau, wie ich es beabsichtigt hatte. Wäre es der Fall gewesen, so wäre die Sache schief gegangen! Sie handelte vielmehr weit richtiger aus
Instinkt - wollen
wir
einmal
sagen.
Sie
korrigierte
also
gewissermaßen
meinen
Plan. Eigentümlich
überdies,
dass
sie
beim
Erwachen
auf dem
Sofa
nicht
sogleich
erriet,
was
sie
tun
sollte.
Es
hat
den
Anschein,
als
ob
sie
im Innern
erst
tief
unter
der Schwelle
des
Bewusstseins
verarbeitet
hätte,
was
ihr
gedanklich
übertragen
worden
war.
Wen
beschleicht
da nicht
der
Verdacht, dass
unendlich
vieles,
was
uns »einfällt«
und uns
zu Handlungen
bewegt,
die
zu begehen
oder zu
unterlassen
wir
uns
Herren dünken,
völlig
fremden
Ursprungs
ist?
In dem
indischen
grandiosen
Epos
»Die
Bhagavatgita«,
das
ausführlich
über
Yoga
spricht,
wie
wohl
kein
zweites
Buch,
heißt
es:
»Jedwede
Tat,
die
hier
geschieht,
geschieht
nach dem
Naturgesetz.
Ich bin
der Täter
dieser
Tat
- ist
selbstgefälliges
Geschwätz!«
-
Schade,
dass
dieses
Werk
nicht
in den
Schulen
gelesen
wird.
Der
Gewinn
für die
heranwachsende
Jugend
wäre
wahrhaftig
größer,
als der
durch
Lektüre
der Ilias
beabsichtigte.
Der erzählte Fall stellt meiner Ansicht nach eine Fernsuggestion dar, ähnlich wie es auf physikalischem Felde durch Radiotelegraphie stattfindet. Zuhilfe genommen wurde dabei der Vorstellungsinhalt der Empfängerin, nämlich die seit Kindheit ins Gemüt eingeimpfte oder vererbte Ansicht, eine »Erscheinung« müsse immer weiß gekleidet sein.
Es
setzt
nun
der
Vorgang
einer
solchen
Gedankenübertragung,
wie
es
die geschilderte
war, sicherlich
das Vorhandensein
eines
Organes
im
Menschen
voraus, das
jene
Ferntelegrafie
ermöglicht.
Welches
Organ ist
dies?
Sind
es
zwei
Organe,
das
eine,
das
die
Antenne
bildet,
und
ein
anderes,
das
den
Empfangsapparat
darstellt?
Die
Frage
ist
beim
heutigen
Stand
der Wissenschaft
nicht
zu lösen.
Die
Theosophen
sagen
(sie
haben
es
offenbar
irgendwo
aufgeschnappt,
wahrscheinlich
in Indien)
die Zirbeldrüse
im
Gehirn
sei
das
Organ,
das
beides
zuwege
bringt.
Mir
will
scheinen,
als ob
der
Aussendeapparat
das
Herz
sei.
Bei
Versuchen,
mir zugeschickte
Gedanken
aufzufangen,
hatte
ich,
wenn
sie
glückten,
jedesmal
das
deutliche
Gefühl,
der Vorgang
fände
im
Gehirn
statt
und zwar
so,
als
sei
ich
selbst
der
Erzeuger
des betreffenden
Gedankens.
Ich
schloss
daraus,
das
Empfangsorgan
müsse
die Gehirnrinde
sein
und nicht
die
Zirbeldrüse.
Auch
kam mir
immer
sonderbar
vor, warum
die Anatomie
eigentlich
der
Gehirnrinde
den
sonderbaren
lateinischen
Namen
»pia
mater«
gegeben
hat.
Es
ist
mir
bis
heute
nicht
gelungen,
herauszufinden,
wer der
ursprüngliche
Erfinder
dieser
Bezeichnung
gewesen
ist.
Offenbar
oder
wahrscheinlich
derselbe,
der
den untersten
Abschnitt
des
Rückenmarks
»sacralplexus«
getauft
hat.
Es
wäre der
Mühe
wert,
der
Sache
auf den
Grund
zu gehen;
sie
könnte
möglicherweise
einen
Schlüssel
bieten
zu
dem
System
und Ursprung
der
Methode
der
erwähnten
Shabhavas,
die
mit
dem Hathayoga
eng zusammenhängt.
Die
Shabhavas
stützen
sich
auf
schriftliche
Überlieferungen,
die den
Namen
Agamas führen
und weit
älter
sein
sollen
als
die
Veden. Unsere
Altertumsforscher
behaupten
zwar,
die Agamas
seien
ein
viel
späteres
Produkt
des
menschlichen
Geistes
und stellten
eine
Degenerationsstufe
dar
wegen
des
in ihnen
enthaltenen
»Aberglaubens«.
Ich
kann
den
Verdacht
nicht
los
werden,
dass
solche
Gelehrte
nur zu gern
und ohne
zu
prüfen,
etwas
als
Degenerationszeugnis
hinstellen,
was
ihnen
des
unverständlichen
Inhalts
halber
irgendwie
nicht
in ihre
Weltanschauung
passt!
-Mir
scheinen
die
Agamas
vielmehr
die
Ruinen
eines
geheimen,
längst
verstümmelten
und
halb
vergessenen
uralten
Wissens
zu
sein.
Im Mahayana
Buddhismus
sind
Spuren
des Agamas
enthalten,
das
ist
keine Frage;
möglich,
dass
sie
aus
der uralten
tibetanischen
Bhonreligion
herstammen
und mit
ihr
aus
Centralchina.
Wie
ich
höre,
sollen
die
neuesten
Forschungen
auf diesem
Gebiet
bestätigen,
was
ich immer
schon und
rein
instinktiv
vermutete.

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