Die Verwandlung des Blutes 14
(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
von Gustav Meyrink
 

Das Originalmanuskript hatte Kerning dem Vater meines verstorbenen Freundes Erbgrafen Leiningen-Billigheim, von dem ich es erhielt, vermacht. - Der Inhalt der Schrift ist für jeden, der sich praktisch mit Yoga befasst, ungemein bedeutsam und lehrreich, aber auch sehr gefährlich. Ich kannte, als ich es der Öffentlichkeit übergab, diese Gefahr nicht, sonst hätte ich es niemals drucken lassen. Zum Glück ist es heute so gut wie verschollen; ich weiß nicht einmal, wer es damals verlegt hat. Es lehrt ähnlich wie der Hathayogapradipika Atemübungen, nur viel tiefsinniger - vielleicht sogar total falsch!

Da Kerning keine andere Quelle zur Verfügung hatte, als das Ritual der Freimaurer, erscheint es auf der Hand liegend, dass darin eine uralte Geheimlehre beschlossen liegt, die für die Freimaurer der Jetztzeit ein Buch mit sieben Siegeln geworden ist. Der Sache nachzugehen könnte unter Umständen für einen berufenen Forscher manch interessante Entdeckung verheißen! Hat doch das eifrigste Suchen nach dem Ursprung der Freimaurerei nicht weiter zurückgeführt als einige Jahrhunderte! Die Legende, sie sei unermesslich alt, ist – Legende geblieben bis heute!

Kerning war Theist, jedoch in einem feineren Sinne als andere Mystiker. Von Ekstasen und Verzückungen blieb er sein ganzes Leben hindurch verschont. Hingegen war er Metaphysiker durch und durch und Hellsehen und dergleichen war ihm ein natürlicher Vorgang, der sich anerziehen ließe, wie er überzeugt war. Sein, fast immer nur angedeutetes und wahrscheinlich absichtlich nie ganz klar beschriebenes System lässt sich mit knappen Worten etwa so fassen: das Innerste des Menschen (der »Andere«, den Coué vermutlich meint) spricht zum äußern Menschen nur durch unklare Ahnungen, gefühlsmäßige Warnungen, Instinkt und so weiter.

Niemals oder selten, nur bei besonders von Geburt aus Begabten, durch direkte Sprache. Die Folge ist, dass der Mensch gar oft -meist sogar - irre geführt wird, denn häufig treten Beklemmungen als Resultat körperlichen Missbehagens, verursacht durch Krankheit, auf und werden dann fälschlich als Warnung gedeutet. Sicherlich ist ein solcher »Betrug« durchs Gefühl der Grund, weshalb sich die Menschheit im Laufe der Zeit immer mehr vom Instinkte abgewendet hat wie von einem Irrlicht. Sehr zu ihrem Nachteil! Sie hat sich wohl vom gefährlichen Sumpfboden entfernt, aber dafür das dürre Steinfeld allzu nüchternen, unzulänglichen Verstandeslebens betreten.

Kerning wollte der Unsicherheit vager Gefühle ein Ende bereiten; er sagte, es könne dies nur geschehen, wenn man ein untrügliches Verständigungsmittel zwischen äußerem und innerem Menschen (heute nennt man diesen Innere: Unterbewusstsein) schaffe.

Es entstünde allmählich von selbst, wenn man gewisse Buchstaben – elf, wenn ich mich recht entsinne oder besonders das Wort »Ich« in sich hinein genügend lange gemurmelt hätte. (In vedischen Schriften heißt es übrigens: Wer die heilige Silbe Aum so und soviele Billionen mal gemurmelt habe, erlange sodann die »Erlösung« als Lohn!!) Das Innere lerne nämlich dadurch Schritt vor Schritt in Worten sprechen, so dass die Übertragung durch Gefühle beseitigt und durch eine verlässliche Methode ersetzt würde. »Das innere Wort« nannte auch er es; ebenso wie mein ehemaliger Führer.

Seine Atemübungen hatten den Endzweck, sich mit dem All zu verständigen; es spräche zu Dem, der der Übung Meister geworden sei.

Im Hathayogapradipika heißt es: Der Atem des Menschen hat einmal durchs linke Nasenloch ein und dann nach einer Weile durchs rechte. übrigens eine Beobachtung; die vollkommen stimmt. Unsere medizinische Wissenschaft hat dem bis heute keine Aufmerksamkeit geschenkt. Der Pradipika sagt weiter: So lange der Mensch abwechselnd links und rechts atmet, so lange bleibt er ein gewöhnlicher Sterblicher und ist einem unabwendbaren »Karma«-Schicksal unterworfen; sein Wille in dieser Hinsicht ist also unfrei! Gelingt es hingegen, den Atem in die »Susumna« - ins Rückenmark! - hineinzudrängen, dann werde er frei, allwissend und im Hochgrad ein Magier, der alles, was er wünscht, vollbringen könne. (Da der Rajayoga ausdrücklich fordert, jeder selbstsüchtige Wunsch müsse lange vorher verbrannt werden, wird eine solche Allmacht recht kläglich sein, möchte man meinen. Der Rajayoga setzt aber offenbar als selbstverständlich ein Central-Ich voraus, das alle Monaden am Ende des Weges zu Ihm in sich aufnimmt, jeden Separatwunsch in einen einzigen verwandelnd!). Die heutigen Yogis Indiens und Tibets fassen dieses Eindrängen des Atems ins Rückenmark wörtlich auf; sie halten den rein physischen Atem so lang krampfhaft an, bis sie ohnmächtig werden - genauer ausgedrückt: bis sie in Trance verfallen. Welche grauenhafte Anstrengung dazu gehört, derartiges fertig zu bringen, davon kann sich jeder leicht selber überzeugen, indem er es versucht. Zuerst trete Schweiß ein, dann Schaumbildung auf der Haut und schließlich: freies Schweben, so wurde mir einst gesagt. Bis zur Schaumbildung hab ich's gebracht, weiter nicht.

Viele Jahre hindurch war auch ich der Meinung, es handle sich beim »Pranayam« (so lautet der technische indische Ausdruck) um ein Rezept, das buchstäblich physisch befolgt werden müsse. Ich zweifle auch heute nicht, dass es äußerlich angewendet, viele höchst erstaunliche Resultate zeitigt - wie mir schwant: auf spiritistisch-mediumistischen Gebiet, denn eine Beobachtung der Medien, mit denen ich in Berührung kam, zeigte jedesmal, sobald sie in Trance fielen, bekamen sie Atemstörungen.

Das wahre Heil ist sicherlich durch Atemanhalten allein nicht zu erlangen; Trance ist: Trennung oder Zerreißung des Bewusstseins und nicht jene »Vereinigung«, die schon im Worte »Yoga« angedeutet ist: ein Schritt vom Wege! Im Rajayoga Kompendium des Patanjali, den ich früher erwähnte, wird der Weg umgekehrt gewiesen. Nicht vom Atem wird als Ursache ausgegangen, sondern von der Konzentration der Gedanken! Sei diese tief genug, so trete Samadhi = Entrückung - ein und als deren Folge: Aufhören des Atems von selbst. - Als ich im Jahre 1914 den Besuch eines jungen Brahmanen bekam, der sehr viel wusste über Yoga, aber auch europäisch gebildet war - er hatte in Oxford studiert - und ihn nach seiner Meinung über das Pranayam fragte, sagte er mir zu meinem Erstaunen, die atmosphärische Luft könne tatsächlich ins Rückenmark gelangen, wenn sie keinen Ausweg mehr aus den festgehaltenen Lungen fände. Zu meinen Einwänden, es sei das doch anatomisch unmöglich, zuckte er nur die Achseln. Sollte er recht haben, so glaube ich, kann es sich nie um gewöhnliche Luft handeln; möglicherweise trennt sich durch Absorbtion des Sauerstoffs in der Lunge eines der kurzentdeckten Edelgase wie z. B. Helium oder Argon oder ein noch gar nicht bekanntes anderes ab und durchzieht dann das Rückenmark?! Eine reine Vermutung natürlich! - Ein wenig unterstützt wird meine willkürliche Annahme dadurch, dass der indische Ausdruck »Prana« nicht nur Atem bedeutet, sondern zugleich: Lebenskraft..

Die Worte Lalls - so hieß mein indischer Freund - erweckten meine Aufmerksamkeit so sehr, zumal sie, wie er versicherte, aus dem Munde eines echten Yogis stammten, den er nach langem Suchen endlich gefunden hätte, dass ich mich entschloss, meine in meiner Jugendzeit unterbrochenen Hathaatemübungen wieder aufzunehmen. Wie früher, so brachte ich es auch diesmal nicht auf mehr als 2 ½ Minuten Atemzurückhaltung. Ich wollte die Übungen bereits aufgeben, da trat eines Tages eine sonderbare Erscheinung ein: ich schwitzte bereits vor wahnwitziger Anstrengung, die Atempause wenigstens auf drei Minuten zu verlängern, und das gewisse schauerliche Todesrütteln trat ein. Unfähig, die Luft länger in den Lungen zu behalten, wollte ich ausatmen, da stellte sich einen Augenblick lang eine merkwürdige Leichtigkeit des Gefühls ein und zu meinem größten Erstaunen konnte ich gar nicht ausatmen, sondern musste - einatmen!: die Luft war in meiner Brust vollkommen verschwunden! Wie absorbiert oder aufgesogen von andern Organen! Dabei war mein Brustkorb jedoch keineswegs eingezogen oder eingesunken, wie natürlich gewesen wäre, sondern aufgeblasen - besser gesagt: nach außen gedrückt - wie bei Beginn. Das Phänomen verblüffte mich derart, dass ich einen Moment beinahe fassungslos wurde. Wohl infolge dieser innern Unruhe kam weiter nichts zustande, als dass ich, wie von einem Krampf gepackt, einatmete und die eigentümliche Spannung meines Brustkorbs damit irgendwie und mir unbewusst wieder in Einklang brachte. Als meine Verblüffung einigermaßen gewichen war, sagte ich mir: du hast wahrscheinlich ausgeatmet, ohne es zu wissen und ich wiederholte später das Experiment, entschlossen, mich diesmal genau zu beobachten.

Lange wollte es nicht glücken, denn, um den Atem auch nur 2 1/2 oder gar drei Minuten anzuhalten, ist es - für mich wenigstens - Voraussetzung, dass man nicht nur mit der Lunge und dem äußern Muskelwillen vorgeht, sondern auch auf bestimmte Weise die »Gedanken anhält«, Gedankenfixation und gleichzeitig Beobachtung seiner Selbst ist nun kaum möglich. Immerhin glaube ich, als das erwähnte Verschwinden der Luft in den Lungen sich wieder einmal einstellte, mir die Gewissheit verschafft zu haben, dass ich tatsächlich nicht ausgeatmet habe.

Mein Freund Lall hatte mich ausdrücklich gewarnt, Atemübungen zu unternehmen; sie endeten stets mit unheilbaren Krankheiten oder Tod, wenn der Körper dazu nicht reif sei. Wie der Körper reif zu machen sei, wusste ich nicht; ich beschloss daher trotz seiner Warnungen auf eigene Faust zu ergründen, ob ich reif sei. Und deshalb machte ich für alle Fälle die besagten Atemübungen. Ich unterbrach sie jedoch plötzlich, denn stürmische Warnungen lösten sich in meinem Bewusstsein in form von kaum misszuverstehenden visionären Bildern. Sie kamen ein wenig spät. -Alsbald trat so auffallende Phantasielosigkeit und Mangel an Fähigkeit, schriftstellerisch zu schaffen, ein, dass ich mir vorkam wie ein Beraubter im Geiste.

Lange konnte ich überhaupt nicht mehr schreiben. Ich wurde derart lethargisch, dass ich monatelang mich nicht entschließen konnte, das Haus zu verlassen; ich brütete vor mich hin und saß von früh bis abends im Lehnstuhl. Ein Lebensüberdruss fraß an mir, dass ich fast verzweifelte. Dazu gesellte sich ein unerträglicher Durst hinzu. Zuckerkrankheit? fragte ich mich. Der Mut, mich untersuchen zu lassen, fehlte mir. Ich fürchtete mich vor der Wahrheit. Die niederträchtigste Feigheit, die ein Mensch aufbringen kann! - Dann drängte mich meine Frau, ich solle zum Arzt gehen. Ich wollte nicht und ging nur - zum Apotheker! Der stellte fest: 8 % Zuckerausscheidung! Nette Bescherung! Gar für einen Hathayogi, der doch frei werden soll von Krankheiten jeder Art! Und: 8 %! - Die Reichsbank kann sich solche Wucherzinsen gestatten und nicht ein Schriftsteller. Blieb also nur - das Schicksal verhöhnte mich sicherlich - der Canossaweg zum Arzt. Zwei Jahre lebte ich auf seinen Rat sozusagen nur noch von Löschpapier. Freilich: Der Zucker hörte auf, aber auch mein Körpergewicht schwand dahin. So wirst du es also doch noch bis zum freien Schweben bringen, verspottete ich mich. Noch einige Dutzend Kilo weniger und es wird dir ein leichtes sein. - Ob ich die Atemübungen wieder aufnehmen soll? fragte ich mich; vielleicht habe ich zu früh aufgehört? Abermals: Warnung aus dem Innersten heraus! - So beschloss ich, wenigstens nachzudenken, ob nicht hinter dem Hathayoga ein noch tieferer Sinn stecke als der mechanisch anmutend äußere. Allmählich wurde es licht in mir: ganz anders muss man die Atemübung auffassen! Ein paar Monate Testversuche, dann war ich hinter den eigentlichen Sinn gekommen.