Die Verwandlung des Blutes 15
(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
von Gustav Meyrink
 

Das Ziel von Yogaübungen

 

 

Seitdem glaube ich zu wissen, wie die sonderbaren Stellungen, die die Fakire einnehmen, aufzufassen und ihre Wirkung zu erzielen ist. Mir wurde klar: Sie gehen nach Rezepten vor, die sich in grauer Vorzeit dieser oder jener blinde Nachahmer zurecht gemacht hat, sooft er einen echten Yogi zu Gesicht bekam. Wie er sich räuspert und wie er spuckt, nur das hat er ihm abgeguckt. Warum steht dieser oder jener Fakir ein Leben lang auf einem Bein? Warum hängt sich ein anderer mit dem Kopf nach abwärts an einen Baumast und bleibt tagelang so hängen?

Warum hält ein Dritter den Daumen fürs Leben so gegen die Handfläche, bis der Fingernagel durchs Fleisch hindurchwächst? Ich bilde mir ein, den Schlüssel gefunden zu haben: Das bewegungslos auf einem Bein Stehen, ähnliches taten die sogenannten Säulenheiligen (auch ohne zu wissen, weshalb!), ist eine Gleichgewichtsübung! Und warum das Gleichgewicht üben? - Sogleich kam ich hinter dieses letzte Rätsel nicht. Ich löste es, indem ich die Übung machte. Selbstverständlich schwankte ich dabei hin und her. Dann aber, anfangs kaum merklich, trat das Gefühl einer schwer zu schildernden »Vereinigung« ein, einer Vereinigung, ich habe kein anderes Wort dafür - mit mir selbst!! Bald konnte ich dies merkwürdige Gefühl herbeiführen, ohne aufrecht zu stehen. Die Erinnerung daran weckte es jedesmal wieder auf. - Und durch Wachrufen jenes sonderbaren Verbindungsgefühls brachte ich es schließlich dahin, dass meine Zuckerkrankheit anfing zu verschwinden, so dass ich heute fast genauso leben kann, ohne besondere Diät, wie ein gesunder Mensch. Um gewissenhaft zu sein, darf ich nicht unerwähnt lassen, dass ich kurz vor meiner Heilung durch Zufall ein Medikament einnahm, dessen Wirkung aber nicht gegen den Diabetes gerichtet war - und es ist auch bisher nie zu solchem Zwecke ärztlich verordnet worden! - sondern nur gegen ein lästiges Begleitsymptom der Zuckerkrankheit. (Wenn es ein Diabetiker versuchen will: es heißt Nujol.) Es könnte ja sein, dass dieses Mittel zur Heilung mit beigetragen hat, aber ich glaube nicht recht daran. Die ungeheuer wohltätige Wirkung, die die Balanceübung in jeder Hinsicht (!) hervorbringt - aber auch in jeder Hinsicht, vorsichtig ausgedrückt (!), ist so außergewöhnlich, dass ich es mich niederzuschreiben hier nicht getraue aus Furcht, die Wirkung meiner allgemeinen Behauptungen voreilig abzuschwächen. Eine Krankheit zu beseitigen, ist das Allergeringste, was ich der Übung zutraue!

Wieso kann das simple Balanceüben so große Wirkung hervorbringen, wird man fragen. Ein geübter schwindelfreier Bergsteiger hat doch ebenfalls ein richtiges Gleichgewichtsgefühl und dennoch wird er krank bisweilen! Freilich: Wenn‘s bloß auf die körperliche Balance ankäme, dann wäre der Einwand berechtigt. Aber so einfach ist es nicht: Es muss, wie mein toter Führer sagte, »von oben« etwas hinzukommen. Nicht die »Gnade«, nein, beileibe nicht! Das Schicksal kennt keine Protektion! Ich möchte es bildlich so ausdrücken: der innere verborgene, von uns abgetrennte, im Tagesbewusstsein uns fremde, urfremde (!) Mensch, der Vermummte, steht gewissermaßen senkrecht in uns; er ist das Rückenmark – die Susumna -, die in Wahrheit gemeint ist im Yoga. Der äußere Mensch ist von ihm getrennt, weil er schief steht – irgendwie in einem Sinne »schief« zu ihm! Darum deckt er sich nicht mit ihm! Ist ein dem rechts und links »atmenden« ein fremder, unsichtbarer und nicht einmal fühlender. Anders angedeutet:

Das zerbrochene Schwert, der Mensch mit seinem irdisch begrenzten Bewusstsein, ist nicht der Quere nach zerbrochen, nein der Länge nach. (Ob es wohl eine Sage gibt, die behauptet, das Schwert des Siegfried sei der Länge nach zerbrochen gewesen??); es ist gespalten!! Die Vereinigung mit jenem »Vermummten« - den Lotsen mit der Maske vor dem Gesicht habe ich ihn einmal in einer Novelle genannt -zu erringen, bewusst und gefühlsmäßig, das habe ich als Zweck meines Lebens erkannt. Ob es der Zweck jedes Menschenlebens ist, darüber zu urteilen wage ich nicht; scheint es doch, dass es vorläufig für die Meisten genügt, gedankenlos, den Aalen gleich ins Meer zum Laichen zu ziehen. - Wie die Vereinigung des Vermummten sich weiter bei mir abspielen wird, kann ich nur vermuten. Prozesse dieser Art gehen sehr langsam vor sich, Station für Station; sie dauern viele viele Jahre.

Möge sich daher niemand der Täuschung hingeben, Erfolge zu erringen, bevor er nicht lange Zeit ausprobiert hat, was ich als Beispiel erwähnte und anführte. Auch wollte ich keineswegs behaupten, mein Versuch sei der einzige Fingerzeig, wie man die Sache anzufangen habe; im Gegenteil: Ich glaube, jeder muss selber für sich herausfinden, was die richtige Methode für ihn ist. jeder ist auf andere Art »krank« und im Bewusstsein gespalten.

Einen Wink, wie jeder einzelne dabei vorzugehen hat, kann sehr oft der Traum geben. Bevor ich die Übung des Balance-Findens mir zurecht machte, hatte ich einen bedeutsamen Traum, der sich einige Nächte hindurch wiederholte und aus diesem Grunde meine besondere Aufmerksamkeit auf sich zog. Träume sind nichts anderes als Visionen des schlafenden Menschen; Visionen wie ich sie hatte und habe, sind wache Träume, nichts anderes. Bei den einen wie bei den andern verschieben sich die Augachsen! Beim Schlaf hat Mensch wie, Tier die Augäpfel nach oben gedreht. -Träume wie Visionen sind zwecklos und sinnlos, wenn man nicht lernt, sie so zu erziehen, dass sie uns zum Führer werden.

Ist doch auch das ganze Leben sinnlos und zwecklos, wenn es uns nicht belehrt -wohin wir unser Daseinsschiff steuern sollen! Sich zum sinnreichen Träumen zu erziehen, ist leichter, als viele glauben. Nur Ausdauer gehört dazu; ein nicht Lockerlassen; der einmalige, aber feste unerschütterliche Entschluss: ich höre nicht auf und wenn es Millionen Jahre dauern sollte! Man muss sich mit der hartnäckigen Frage schlafen legen: welche Bedeutung wird mein Traum, dem ich entgegengehe, haben? - Kinder legen sich schlafen mit dem Wunsch, etwas Schönes zu träumen, und die Mutter bestärkt sie womöglich noch in diesem sentimentalen Vorhaben! - Tut man, wie ich rate, so wird wohl einige Zeit lang noch das gewohnte Traumgewirr vorhalten, dann aber wird sich Ordnung einstellen: der »Vermummte« fängt an zu reden. Zumeist in Symbolen, bisweilen jedoch, falls ein Mensch besonders dafür begabt ist, in deutlichen, nicht misszuverstehenden Bildern oder sogar Worten. Spricht solche Worte und Sätze eine Gestalt, die man im Traum sieht, so ist höchstes Misstrauen angebracht!! Ein mediumistischer Vorgang, trügerisch wie alles dieser Art, kann möglicherweise vorliegen.

Worte und akkustische Mitteilungen im Traum müssen, wenn man ihnen trauen soll und darf, so sein, als spräche man sie zu sich selbst. Wer den richtigen Weg der »Vereinigung« geht, wird niemals jenen Vermummten sehen; wie könnte er sehen, was er im Grunde doch selber ist? - Wohl haben Menschen zuweilen ihren eigenen Doppelgänger gesehen - Goethe zum Beispiel -, aber ein solcher Doppelgänger ist nicht der Vermummte! Es ist etwas gänzlich anderes, von dem hier näher zu sprechen für mich kein Anlass vorliegt. - Ich träumte also, ich stünde auf dem Gipfel eines Berges, dessen Kuppe nur wenige Meter im Geviert hatte und mit nassem schlüpfrigen Gras bedeckt war. Ich hatte das unangenehme Gefühl des Schwindligseins und aus Furcht, abzurutschen, hatte ich mich auf alle Viere niedergelassen wie ein Tier. Aufzustehen wagte ich nicht. - Dieser Traum wiederholte sich mehrere Male. Was er besagen wollte, lag ja klar auf der Hand, aber die praktische Lehre daraus konnte ich lange nicht ziehen; ich fasste sie zu oberflächlich auf! Meinte, es sei eine triviale Ermahnung, wie ich mich im äußern Leben zu benehmen hätte. Nebenbei war sie auch das, denn ich befand mich damals in einer Lage, in der ich nicht recht wusste, wie mich benehmen. Der tiefere Sinn des Traumes war jedoch. übe im Wachsein, was dir hier als Bild gezeigt wird! Es wird dich einen Schritt näher bringen zur Vereinigung mit dem Innersten, das immer und ewig – aufrecht steht!

Nur solche Belehrungen haben echten Wert. Wer sie zu billig auffasst, der soll sich ein Beispiel nehmen an dem Märchen von dem Soldaten, der in der Höhle zuerst Kupfermünzen nur fand, dann aber Silber und schließlich Gold! je öfter sich der Traum wiederholte, desto mehr bemühte ich mich, auf dem schlüpfrigen Gipfel mich aufzurichten; es wollte mir nicht gelingen. Da änderte sich der Traum: Ich befand mich in einem Zimmer, das nur einen Ausgang hatte - mir direkt gegenüber. Ich wollte zu dieser Tür, aber ich hätte zu diesem Zweck ein hohes Postament passieren müssen, auf dem zusammengerollt eine riesige Giftschlange lag, sprungbereit auf mich loszustürzen, sobald ich in ihre Nähe käme. Auch dieser Traum wiederholte sich mehrere Male, und so wie beim ersten gelang es mir nicht, zu siegen. Es heißt in Sagen, besonders orientalischen Ursprungs und dem Inhalt nach okkult im besten Sinne, ein durch den äußern Willen unmöglich zu besiegendes Furchtgefühl ergreife einen Menschen, wenn er sich gewissen Stationen innerer Entwicklung nähere.