Die Verwandlung des Blutes 16
(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
von Gustav Meyrink
 

Ein ähnliches Furchtgefühl hatte ich in dem Traum von der Schlange. Schließlich ging es sogar in mein Tagesbewusstsein über, derart, dass ich zur Übung des Herzstillhaltens zu schreiten beschloss, zumal alle vernunftgemäßen Mittel, die ich anwandte, um mich zu beruhigen,       vollkommen versagten. (Na ja! Begleiterscheinungen der Zuckerkrankheit, würde der Arzt sagen; aber er träfe damit nur zur Hälfte die Wahrheit.) Das Herzstillhalten hatte in diesem Falle auch keine Wirkung! Erst, als ich die erwähnte Balanceübung machte, wich das Angstgefühl. Ich beobachtete, sooft die Übung gelang, meinen Herzschlag: er verlangsamte sich jedesmal von selbst! Ich hatte also einen, wie mir scheint, bedeutungsvollen Schritt nach vorwärts getan; war eine Stufe höher gelangt auf dem Wege der Beherrschung und Verwandlung des Blutes. Seltsamerweise traten zugleich auch günstige Änderungen in meinem äußern Schicksal auf: angenehme (statt den bis dahin unangenehmen) Zufälle traten ein. - Zufälle!!

Eine Kette von Ereignissen war es, so merkwürdig alles ineinander greifend, dass mich das Wort »Zufall«, wie eine feige Herabsetzung dem Skeptiker gegenüber anmutet! Die Vermutung, die ich immer schon hatte, dass man nämlich sein Schicksal anders gestalten könne, wenn man den richtigen Schlüssel nur hätte, bestätigte sich. Dass der Schlüssel in Arbeit (Arbeit aufgefasst, wie der Laie meint) bestünde, daran hatte ich längst zweifeln gelernt. Erarbeitet habe ich mir bis heute so ziemlich nichts; immer war es Glück allein, das mir Gewinn brachte, trotzdem ich von mir nicht sagen kann, ich sei faul, indolent, oder untüchtig gewesen. – Der wahre, einzige Schlüssel zu Glück, Wohlergehen, Gesundheit und dergleichen ist: die Vereinigung mit dem Vermummten.

Er ist das was wir im Leben Vorsehung nennen. Er ist der, der hilft, wenn die Not am größten ist! Nicht ein über den Wolken thronender Gott! Warum hilft er immer nur im letzten Augenblick? (Wohl jeder Mensch wird die merkwürdige Erfahrung gemacht haben, dass im »letzten Augenblick« immer -etwas geschieht«!): Weil wir eine falsche (!) Selbstsicherheit haben und nicht die richtige, die sich von selbst ergibt durch Einswerden mit dem Vermummten! Jene falsche Selbstsicherheit muss erst beim Normalmenschen weggeschoben werden, wenn die richtige eintreten soll. Dieses Wegschieben besorgt die Not, leider nur meist ganz vorübergehend, denn alsbald tritt die falsche Selbstsicherheit wieder an ihren alten Platz. Um mit der Bibel, symbolisch sie ausdeutend zu sprechen: der Christus im Boot schläft und wird erweckt von den Jüngern, wenn sie die Wellen beängstigend hoch gehen sehen.

Not lehrt beten, so sagt das Sprichwort; wer Yoga erfasst hat, darf hinzusetzen: Noch größere Not hat den Zweck, das Beten zu - verlernen! Wer »bittet«, dem geht’s wie mir im Traum von dem Gipfel und von der Schlange! Ich will einen erlebten Fall anführen, der beweist, dass Träume auch eine klare Sprache zu führen vermögen und nicht immer in Symbolen reden: Im Jahre 1922 kaufte ich mir ein altes Automobil. Wie in solchen Fällen oft beteuerte der Verkäufer, die Maschine sei riss - und bruchfrei; riss- -und bruchfrei war nicht einmal ihr Gewissen. Der Wagen sah hässlich aus und ich wollte ihn neu karossieren lassen.

Bis dahin blieb er behufs Durchgesehen werden in einer Werkstatt stehen. Ich wollte ihn sodann in die Karosseriebauanstalt fahren. Da träumte meine Frau, wir befänden uns unterwegs dahin, und plötzlich sei der Wagen nach rechts umgestürzt in einen Graben; meine Tochter sei tot, sie und mein Sohn verletzt und ich schwer beschädigt. Der Traum wiederholte sich sechs bis siebenmal haargenau. Ich ließ mir von meiner Frau die geträumte Situation umständlich schildern. Es war eine Gegend so und so, erzählte sie mir. Ein abschüssiger Hang, mit Bäumen links und rechts bestanden, du am Steuer, unser Sohn neben dir, meine Tochter und ich im Fond des Wagens, dann plötzlich ein sich Neigen des Wagens, ein Sturz nach rechts, das Auto überschlägt sich und wir alle sind darunter. Die Sache wurde mir immer bedenklicher; ich wusste nicht, was tun. Der Tag nahte heran, an dem ich das Auto in die Karosseriewerkstätte fahren sollte. Ich dachte nach, da kam mir der waghalsige Einfall: Ich werde das Fatum überlisten! Ich beschloss, das Traumbild meiner Frau irgendwie anders zu gestalten.

Ich telefonierte einem Bekannten, ob er nicht so gut sein wolle, morgen meinen Wagen nach Garmisch zu chauffieren, denn ich selbst möchte es aus mancherlei Gründen nicht selber tun. Ich dachte bei mir: Wenn ich selber nicht am Steuer sitze, hintergehe ich gewissermaßen die Traumprophezeiung. (Recht albern, wird der Leser sagen.) Außerdem beschloss ich zum gleichen Zweck, meine Tochter nicht mitzunehmen. Mein Bekannter war gern einverstanden, mir den gewünschten Gefallen zu tun, und alles wurde für den kommenden Morgen verabredet. - Um sechs Uhr Früh telefonierte mir mein Bekannter, er müsse sich leider entschuldigen, aber es habe sich ihm über Nacht ein Furunkel am Halse gebildet, der ihn derart schmerze, dass er nicht kommen könne. - Ich kratzte mich hinter den Ohren: versteift sich also das Schicksal darauf, recht zu behalten; will es mit mir Schach spielen und meine hinterlistigen Pläne durchkreuzen? - jetzt wird erst recht gefahren! beschloss ich; werden ja sehen, wer der Gescheitere ist, Freund Fatum! - Ich telefonierte nach Garmisch in die Karosserieanstalt und bat den Inhaber, mir seinen Chauffeur zu schicken.

Langes Hin und Her: Der Mann könne nicht abkommen und so. Endlich setzte ich meinen Willen durch und erhielt das Versprechen, der Chauffeur werde mit dem nächsten Zug in Starnberg eintreffen. Ich ging sogleich in die Werkstätte, in der der Wagen stand und bat den Mechaniker, alles noch einmal genau durchzusehen. »Alles in Ordnung!« erhielt ich zur Antwort. »Bitte, sehen Sie nochmals die Räder der rechten Seite nach!« bat ich. Ich sagte mir dabei: Meine Frau hat geträumt, der Wagen sei nach rechts gestürzt; es könnte also möglicherweise an den Rädern der rechten Wagenhälfte ein Defekt sein.

-Widerwillig gehorchte der Mechaniker und schraubte das rechte Hinterrad ab. »Was ist denn das?!« rief er plötzlich, »da ist ja der Achsstummel gebrochen! Unbegreiflich, wie ich das übersehen konnte. Wetten möcht ich, dass das vorher nicht der Fall war!« - »Kann das zu einem Sturz des Wagens führen?« forschte ich, »kann das Rad dadurch von selber heruntergehen?« -»Nein, heruntergehen kann es dadurch nie«, war die Antwort. »Aber blockiert werden könnte es plötzlich; fährt man dann gerade schnell, so kann man die Gewalt über die Steuerung verlieren und infolgedessen natürlich verunglücken!« -In diesem Augenblick kam der Chauffeur aus Garmisch an; ich zeigte ihm den Defekt und fragte ihn, ob er trotzdem bereit sei, die Fahrt zu unternehmen.

Nach einem längeren Gespräch mit dem Mechaniker bejahte er. Ich setzte mich links neben ihn, mein Sohn und meine Frau saßen rückwärts: das Traumbild war also vollkommen durchkreuzt! -Im Schneckentempo fuhren wir los. Nach einer Stunde kamen wir in die Nähe von Weilheim. Mit einem Mal tippte mich meine Frau auf die Schulter und flüsterte mir zu: jetzt kommt die Gegend, von der ich geträumt habe! Und siehe da:

Ein Hang nach abwärts, Bäume links und rechts! »Fahren Sie noch langsamer!« sagte ich zu dem Chauffeur. »Warum denn? Es ist doch wahrhaftig schon langsam genug höchstens 25 Kilometer!« erwiderte der Mann und lachte. »Nein, höchstens zehn, bitte!« beharrte ich auf meinem Befehl. Der Wagen kroch nur so dahin. Plötzlich raunte mir der Chauffeur zu: »Hören Sie nichts? Was knirscht denn hinten so?!« Im nächsten Augenblick brach der Wagen mit einem Ruck zusammen. Der Mann riss beide Bremsen zu. Der Wagen blieb stehen nach rechts geneigt. Ein schieres Wunder, dass er nicht umgefallen war! Dicht auf der rechten Seite ein tiefer Graben! - Wir stiegen aus.

Zwar war das Rad nicht von der Achse gegangen, wohl aber hatte sich die Felge abgelöst ein Defekt, wie wir ihn keiner angenommen hatten - und suchte, mit der Pneumatik versehen, laufend wie ein Kobold das Weite, alsbald in den Graben kollernd. - Kann man da nicht wirklich sagen: Wir haben das Schicksal überlistet?

Der Fall ist so interessant, wenn man ihn nicht nur oberflächlich betrachtet, sondern ein wenig in die Tiefe blickt, dass man ein ganzes Philosophiesystem darauf aufbauen könnte! Schon dieses Sichsträuben des Fatums, seinen Kopf durchzusetzen, indem es -grobdrähtig gesprochen, meinen Bekannten in der Nacht vorher krank werden »ließ«, damit ich selber chauffiere usw. - Bestimmt sind ähnliche Schicksalsdurchkreuzungen im Laufe der Jahrtausende vorgekommen und haben Aufsehen erregt! Kein Wunder, dass dann der Glaube aufkam, bösartige, aber dumme Wesen griffen in das Leben der Menschen ein! - Vielleicht, wer weiß, haben die sogar nicht ganz Unrecht, die solchen »Aberglauben« verfechten. - Nebenbei bemerkt: Der Wagen hatte ein merkwürdiges Schicksal. Er verbrannte bei einer Feuersbrunst in der Garmischer Werkstätte bald darauf fast vollständig, so dass nur ein Teil von ihm noch verwendbar war.

Ein Erlebnis, dessen innere Zusammenhänge und Ursachen so schwer zu erkennen sind, dass man ein weitläufiges System Aufbauen müsste, um sie restlos zu erklären, hatte ich im Jahre 1896. Es hängt zwar nicht mit Träumen zusammen, von denen eben die Rede war, sondern eher noch mit Befehlen, die man in den Tiefschlaf mit hinübernimmt - ähnlich wie es der Fäll war, als ich meiner Frau fernwirkend erschien. Ich schildere es lediglich seiner Sonderbarkeit wegen: Ich stand damaliger Zeit mit einem indischen Swami in eifriger Korrespondenz, der in Mayavati im Himalayagebiet lebte und von dort aus eine kleine Zeitung.

- »Prabudha Bharata« leitete, die der Ramakrishna-Bewegung gewidmet war. Im Laufe des Briefwechsels schilderte mir der Swami eine angeblich tibetische Methode magischer Art, wie man einen Dieb telepathisch zwingen könnte, einen gestohlenen Gegenstand wieder zurückzubringen. Auch könne man dadurch verlorene Dinge wiederbringen. Sie kehrten von selbst (!) wieder in die Hände des Verlustträgers zurück. Die Methode bestand darin, dass man zuerst einmal vor dem Schlafengehen eine gewisse geometrische Figur auf Papier zeichne, in der Mitte darin sich den gewünschten Gegenstand visionär so lange vorstelle, bis man ihn innerlich deutlich vor sich sähe, und dann das Papier verbrenne mit der Imagination, die geometrische Zeichnung gehe damit ins Reich des Astralen über und fange dort gewissermaßen das entwendete oder verlorene Ding ein.